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26.06.06

Tobias Kaufmann

Geh endlich zu!
Vor jedem Urlaub wartet das Grauen: Koffer packen

Ich packe meinen Koffer. Und nehme mit ... eine Zahnbürste. Ich packe meinen Koffer und nehme mit: eine Zahnbürste und ein Hemd. Ich packe meinen Koffer. Und nehme mit: eine Zahnbürste, äh, ein Hemd und äh, Schuhe. Ich packe meinen Koffer. Und ich nehme mit: eine Zahnbürste, ein Hemd, ääääh, ja, Schuhe und, hmmmmm, einen Hut. Ich packe meinen Koffer ... Na, ist Ihnen schon langweilig? Keine Sorge, es gibt tatsächlich etwas, das noch nervtötender ist, als das Koffer-Packen-Spiel, das wir auf den langen Urlaubs-Autofahrten, die vor uns liegen, mit unseren Kindern werden spielen müssen: Koffer packen. Nicht das Spiel, sondern das echte. Denn im Gegensatz zu dem Koffer im Spiel haben reale Koffer Grenzen. Das bedeutet, dass sie meistens voll sind, bevor das letzte Hemd eingepackt wurde. Da hilft nur eins: Quetschen. Unzählige Klamaukfilme leben davon, dass sich Figuren wie Dick und Doof auf Koffer setzen und auf ihnen herumspringen müssen, bevor sie abreisen können. Außerhalb der Filmwelt geht der Koffer aber trotzdem nicht zu. Oder der Reißverschluss verabschiedet sich. Also lieber alles wieder raus. Und nochmal ordentlich: Ich packe meinen Koffer ...

Es gibt Menschen, die streicheln gerne Hunde. Manche freuen sich darauf, den Garten zu jäten oder das Auto zu waschen. Aber ich kenne niemanden, der sich vor dem Urlaub darauf freut, Koffer zu packen. Bei mir beginnt das Elend schon, wenn ich das Ding vom Schrank wuchte und mir der Sand vom Vorjahr entgegen rieselt. Es soll ja Leute geben, die ihre Koffer gewissenhaft nach jeder Reise auswischen. Jedes Jahr vor der Abreise nehme ich mir vor, auch so jemand zu werden. Und jedes Jahr habe ich das bei der Rückkehr längst wieder vergessen. Habe ich den Koffer notdürftig gesäubert, beginnt die eigentliche Arbeit. Ich beginne sehr vorbildlich, mit den Schuhen, so wie es alle Anleitungen empfehlen. Ich drapiere ordentlich die erste Lage Klamotten drum herum, die ruhig verknautschen darf. Perfekt. Abgesehen von zwei winzigen Problemchen. Erstens: Wie weiter? Erst die Hemden, damit sie nicht vom Deckel zerknautscht werden? Oder gerade nicht die Hemden? Und zweitens: Wieso ist der Koffer jetzt schon voll?

»Ein Koffer (von französisch coffre, dieses von arabisch quffa – "Flechtkorb") ist ein quaderförmiges Behältnis für den Transport von Gegenständen. Vorgänger des Koffers sind Reisekisten aus (vulkanisiertem) Holz. Koffer sind verschiedenartig ausgeführt, bestehen aus verschiedenen Materialien und haben verschiedene Verwendungszwecke«, heißt es in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Leider fehlen ein paar Details. Koffer tun immer weh, wenn man sie schleppen muss. Sie haben Griffe, die wunde Streifen in den Händen hinterlassen, und wenn man sie ziehen kann, dann sind die Rollen so laut, dass man sich nicht traut, sie in der Öffentlichkeit zu benutzen. Koffer gehören zu den wundersamen Produkten, die man sowohl für 12 Euro als auch für 2000 Euro kaufen kann – ohne dass sich der Preisunterschied befriedigend erklären ließe. Sie sind zudem grundsätzlich entweder zu groß, was einen zwingt, auf Kurzreisen zu Taschen zu greifen, die unhandlich sind und schon auf der Hinfahrt kaputt gehen. In den meisten Fällen sind sie allerdings zu klein. Mehr als die Hälfte aller Frauen packt für zwei Urlaubswochen mindestens 50 Kleidungsstücke ein – das ergab eine repräsentative Umfrage des Instituts Emnid im Auftrag des Onlineshops koffer24.de. 50 Kleidungsstücke für zwei Wochen! Auch dieser Irrsinn ist schon in unzähligen Kinoklassikern verarbeitet worden. Aber auch bei den Männern sind es immerhin 41 Prozent, die so viel mitschleppen. Ich dagegen bin schon froh, wenn mir in meinem eigenen Koffer noch ein Gnadenplätzchen gewährt wird, neben all den Schuhen und Strandutensilien meiner heimischen Damen.

Ich nehme also die Hemden wieder heraus und schichte zuerst Hosen in den Koffer. Gratulation. Spätestens jetzt ist alles vollkommen ungleich verteilt – das muss mit T-Shirts ausgeglichen werden. Schon bin ich mittendrin im Schludern, Knautschen und Tüddeln. Ich hasse es! Und dann fehlt immer noch die Jacke, die ich mitnehmen muss, falls es regnet – und die ich im Urlaub natürlich keine Sekunde lang anziehen werde. Denn egal, wie man packt: Am Ende hat man doch zu viele T-Shirts und Hosen dabei gehabt, dazu drei ungelesene Bücher, weil man sich gegen alle Vernunft wieder eingebildet hatte, man würde ausgerechnet im Urlaub etwas lesen, was einen schon zu Hause nicht interessiert hat. Deshalb kommt bei der Rückreise noch ein zusätzliches Buch hinzu, das man am Flughafen gekauft hat.

»Es würden viel mehr Männer von zu Hause abhauen«, heißt es in einem Witz, »wenn sie nur wüssten, wie man Koffer packt.« Das stimmt zweifellos. Die Pointe hat aber trotzdem einen Haken, denn die Zahl der Ehen, die am Krach einer Abreise scheitern ist mit Sicherheit höher als die Zahl derer, die durch das Hindernis Kofferpacken gerettet werden. Dazu braucht es keine Statistik, das weiß jeder, der schon einmal verzweifelt in einem zerwühlten Zimmer, angefüllt mit zum Zerschneiden dicker Luft, vor einem halbleeren Koffer gestanden hat. Draußen hupt das Taxi schon zum dritten Mal und drinnen wird gekeift. »Das hättest du alles gestern abend schon erledigen können, aber du musstest ja unbedingt...« Chaotische Frauen, die immer neue Kleider anschleppen, die unbedingt noch mitmüssen, genervte Männer, die zu spät merken, dass sie die Reiseunterlagen ganz unten verstaut haben und beim Öffnen des Gepäckstücks feststellen, dass die Shampooflasche nicht zugedreht war – dank der Packerei beginnen selbst Flitterwochen mit Anschreien und Türenknallen. Die Kofferkrise ist ein Klassiker, uralt und verlässlich wie das Verschwinden von Kugelschreibern und einzelnen Socken. Kaum eine andere Tätigkeit führt selbst geduldige Menschen innerhalb weniger Minuten von fröhlicher Zuversicht über ungehemmte Tobsucht in tränenblinde Ohnmacht.

Ratgeber empfehlen deshalb, die Vorbereitungen fürs Kofferpacken spätestens drei Wochen vor der Abreise zu beginnen. Abgesehen davon, dass ich nicht wüsste, was ich in der Zwischenzeit anziehen sollte: So plant man vielleicht einen Krieg, aber keinen Urlaub. Apropos: Bevor die Bundeswehr vor Abu Dabi schipperte und Wahlen im Kongo sicherte, bestand die Aufgabe der Wehrpflicht über Jahrzehnte einzig und allein darin, jungen Männern beizubringen, wie man Hemden auf Din A4 faltet. Diese Männer – und deren Mütter – sind vermutlich die einzigen Menschen, denen Kofferpacken keine Probleme bereitet. Aber mal ehrlich: Was ist peinlicher – ein Mann, der vor einem hoffnungslos zerknautschten Klamottentorso steht oder einer, der seine Socken in Reih und Glied verstaut hat, als wolle er mit den Kameraden von »Fähnlein Fieselschweif« nach Entenhausen verreisen?

Bei all der Wut und Verzweiflung, die das unvermeidliche Kofferpacken jedes Jahr in deutschen Haushalten verursacht, ist es ein Rätsel, dass man nicht längst professionelle Kofferpacker übers Internet buchen kann. Menschen, die die Dimensionen eines Gepäckstücks einschätzen und optimal ausfüllen können, die mir einfühlsam aber bestimmt klar machen, dass ich meine Jacke zu Hause lassen soll – solche Genies könnten innerhalb weniger Wochen sehr reich werden. Aber vermutlich sind die alle längst im Urlaub, wenn man sie braucht.



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