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31.12.03

Tobias Kaufmann

»Schön, dass ich mal einen von Ihnen dran habe ...«
Ein Telefongespräch im Spätherbst 2003

Dienstagabend, Produktionsstress bei der »Jüdischen Allgemeinen«. Das Interview auf dem Bildschirm vor mir ist immer noch fünfzehn Zeilen zu lang. Das Telefon klingelt.

Die Sekretärin: »Herr Kaufmann, der Herr A. ist für sie dran.«

»Kenne ich nicht.«

»Er kennt Sie offenbar und sagt, dass er direkt mit Ihnen sprechen will.«

»Aha. Ok.«

Klick.

»Kaufmann?«

»Ja, hier A. aus E. Schön, dass ich endlich mal einen von Ihnen persönlich dran habe. Ich habe nämlich Ihren Text über Herrn Hohmann im Kölner Stadtanzeiger gelesen...«

»Das freut mich. Und?«

»Und? Ich wollte mal herausfinden, wie Sie eigentlich dazu kommen.«

»Wozu kommen? Zu dem Text über Herrn Hohmann?«

»Dass Sie ständig derart gehässig über uns Deutsche herziehen. Jedesmal diese Hetze.«

»Also ich habe zum ersten Mal im Kölner Stadtanzeiger geschrieben. Und gehetzt habe ich auch nicht. Vielleicht verwechseln sie mich.«

»Nein, ich meine nicht nur Sie persönlich. Ständig ziehen Sie über das deutsche Volk her. Ich bin mit Sicherheit alles andere als ein Nazi, aber dass Ihr Herr Spiegel den Herrn Hohmann jetzt auch noch verklagen will... Sie haben doch alle selbst genug Dreck am Stecken. Der Friedman mit seinen Huren oder Ihr Herr Scharon...«

»Sie meinen Israels Scharon?«

»... der ist doch ein Verbrecher. Ich wollte schon lange mal sagen, dass ich mir diese Hetze nicht mehr gefallen lasse. Ich bestelle den Stadtanzeiger jetzt ab. Ich habe doch keine jüdische Zeitung abonniert!«

»Herr A., wir leben in einem freien Land. Sie haben Ihren Standpunkt und ich habe meinen. Nehmen Sie's mir nicht übel, aber ich müsste jetzt weiterarbeiten.«

»Darauf habe ich gewartet. Da hat man mal einen von Ihnen dran und dann kommt wieder diese typisch jüdische Arroganz.«

»Das hat nichts mit Arroganz zu tun. Wir haben noch zwei Stunden, um die Zeitung fertig zu machen...«

»Man müsste Sie mal in Berlin besuchen. Wenn man weiß, wo Sie so verkehren, dann könnte man Sie mal direkt angehen und dann können Sie einem nicht mehr ausweichen. Vielleicht fahre ich mal nach Berlin...«

»Tun Sie das. Tschüß.«

»Tschüß.«

Klick.

Hätte ich ihm sagen sollen, dass ich kein Jude bin?



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