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»Pistazie« vorgetragen von Lutz Kinkel, mit Unterstützung aus Entenhausen
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

19.10.00

Lutz Kinkel

Pistazie

Nina übte Geradeaus-Gucken. Das macht sie morgens immer. Erstmal hinsetzen, die Decke um die Schultern kuscheln und Geradeaus-Gucken üben. Sobald die Brennweiten einjustiert sind und sie typische Merkmale der äußeren Welt (Bierdosen, Fernsehzeitschriften, Raggae-CDs) erkennen kann, schaut sie vorsichtig nach links (leeres Kissen) und nach rechts (Tabak auf dem Nachttisch). Dann vibrieren ihre Nasenflügel leicht, weil sie zu erschnuppern versucht, ob ich schon Kaffee gekocht habe. Da ich diesen Job auf Agistri, unserer kleinen griechischen Urlaubsinsel, vernachlässigen mußte, huschte regelmäßig ein Ausdruck von Weltschmerz über ihr Gesicht. Dann schloss sie die Augen wieder, um friedlich weiterzuschlummern.

Ich war derweil schon seit Stunden unterwegs, um ihr unseren Urlaub ninagerecht zu konfigurieren. Von 4 bis 5 Uhr früh asphaltierte ich Straßen, legte Stromleitungen und richtete Klamottenläden ein, damit sie später bequem würde shoppen gehen können. Danach fräste ich im Blaumann die Kleinteile der Motorräder, die uns bei Ausflügen über die Insel tragen sollten.

Gegen 6 Uhr stand das übliche Gefeilsche mit Gott an, der zu dieser Zeit weißbartig vor seinem Barometer saß. Jeden morgen mußte ich mir dieselbe Leier anhören: "Es ist Oktober – mehr als 25 Grad sind nicht drin. Sonst hätte ich die Jahreszeiten ja gar nicht erfinden müssen! Und was glaubst Du, was das für eine Rechnerei mit den Wetterdaten war!" "Jaja", warf ich dann ein. "Aber es müssen 35 Grad sein: Nina will es so – und die hast Du ja auch erfunden! Außerdem, denk doch mal nach: Tausende von Menschen haben gestern wieder für schönes Wetter gebetet. Willst Du die alle vor den Kopf stoßen? Was ist, wenn sie deswegen aus der Kirche austreten?" Der liebe Gott zückte dann zumeist sein Kassenbuch mit den Kirchensteuern, überflog es kurz und zog die Stirn kraus: "Na gut. Aber mehr als 30 Grad sind nicht drin. Und ich schicke ein paar von den Wolkenheinis vorbei. Wäre ja noch schöner."

Nachdem das geregelt war, mußte ich mich dringend an das Skript für den jeweiligen Tag begeben. Nina liebt Soaps, aber die TV-Satelliten, die ich prophylaktisch in die Umlaufbahn geschossen hatte, waren leider geklaut worden. Deswegen mußte ich mir etwas für unseren Alltag einfallen lassen. Ich rief also pünktlich um 8 Uhr die Dorfgemeinschaft von Scala zusammen und erteilte das Briefing: "Bryan, Du spielst heute wieder den besoffenen Briten, dem der Club gehört, in dem wir wohnen. Mach' Dir ein bißchen Rouge auf die Nase und schau Dir nochmal die Monty-Python-Filme an, damit Du die Gäste besser zutexten kannst. Darfst auch ruhig ein wenig an Jackie rumkrabbeln. Allan, Du stellst Dich an die Club-Bar und schüttest Drinks zusammen gegen die Tschernobyl ein Komposthaufen ist. Und Du, Hugo, arbeitest an Bryans Rezeption, schaust ein bißchen glutäugig und machst, wenn Du abends im Restaurant bedienst, wieder diese lustigen Trippelschrittchen".

Nina liebte diese Figuren – und natürlich die ganzen Mädels drumherum. Denen gab ich manchmal die Anweisung, mit ihren rotbemalten Leckermäulchen herum zu vampen, dann wieder die Anweisung, sich schwarze Haare an die Oberschenkel zu kleben. Was sie in unserer Soap verzweifeln ließ, weil sie Jan, den süßen holländischen Psychologieprofessor, so nie ins Bett kriegten. Als Cliffhanger baute ich jeden Abend noch eine tragikkomische Liebesgeschichte ein, zum Beispiel die von der Katze Bubu, die an Elias Bar völlig vereinsamt Metaxa schlürfte bis sie volltrunken ins Meer platschte, wo sie verzweifelt nach ihrer Liebsten rief: Tanja, Bryans Schäferhund. Würde Tanja Bubu retten? Würden sie danach eine Schildkröte adoptieren?

Manchmal, wenn ich nach 24 Stunden Programm so da saß und in meine lauwarme Cola-Light starrte, fragte ich mich, ob sich der Aufwand wirklich lohnte. Liebte ich Nina so sehr? Die Antwort, lippenbebend in den sternenübersäten Himmel gehaucht, lautete: Ja. Denn sie war die Einzige, die mit ihrem literarischen Genius völlig ziellose Kolumnen zu einem würdigen Ende bringen konnte. Und das geschah so: Wir lagen am Strand und aßen Pistazien. Woraufhin ich sagte:

"Guten Tag, mein Name ist Pistazie,

[Regie: Nun gespreizt klingen!]

ich bin eine salzige Grazie"

Woraufhin Nina ergänzte:

"Ich komme aus der Tüte,

mit der ich sonst

[Regie: jetzt einen Gedankenstrich sprechen!]

verhüte."



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Lutz Kinkel

Jahrgang 66, plante im Zwergenalter, in Oxford zu studieren und Showmaster zu werden – weil er Wim Thoelke ungeheuer beeindruckend fand. Aus diesen hochfliegenden Plänen wurde nichts. [..]

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