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27.04.20

Raymund Krauleidis

Klartext, Lüge, Volksverdummung!

Es gibt eine Berufsgruppe, die durch die Corona-Krise endlich ins Licht der Öffentlichkeit gerückt ist und uns täglich mit neuen Fakten sowie wissenschaftlichen Erkenntnissen im Zusammenhang mit Covid-19 überrascht und erstaunt. Die Rede ist natürlich von Verschwörungstheoretikern.

Früher hätten wir den hanebüchenen Aussagen der Besserwisser Drosten, Streeck oder Wieler womöglich blind vertraut, doch heute wissen wir, dass das von Bill Gates persönlich in einem von 5G-Sendemasten umringten Labor im chinesischen Wuhan gezüchtete Virus schlimmstenfalls Nasenjucken auslöst und wir von der dunklen politischen Macht deshalb weggesperrt werden, damit sie möglichst unbehelligt das Bargeld abschaffen, die Rundfunkgebühren erhöhen sowie eine flächendeckende Handyüberwachung einführen kann. Als Nebeneffekte werden außerdem noch das peinliche Vorrunden-Aus von Jogis Jungs bei der Fußball-EM und eine erneute deutsche ESC-Blamage vermieden.

In meiner bisherigen Wahrnehmung war das Dasein als Verschwörungstheoretiker eher ein Hobby. Man demonstriert hie und da gegen Chemtrails, wettert gegen die BRD GmbH oder trifft beim Einkaufen zufällig Elvis – nichts Großes eben. Doch in den vergangenen Tagen fiel es mir wie Schuppen von der Reptiloiden-Haut: Verschwörungstheorie ist ein knallhartes Business, das ein enormes Maß an Kreativität und Disziplin erfordert.

Was macht ein Verschwörungstheoretiker beispielsweise, wenn es plötzlich keine Chemtrails mehr am Himmel gibt? Er sucht sich kurzerhand ein neues Feindbild und zündet 5G-Masten an. Da muss man erstmal draufkommen. Auch kann er nicht einfach die Tagesschau oder vergleichbare Fake-News-Formate konsumieren wie jeder andere. Stattdessen muss er sämtliche Nachrichten dahingehend hinterfragen, von welchen eigentlichen Geschehnissen sie ablenken sollen und seine frisch gewonnenen Erkenntnisse dann stante pede via Facebook, Twitter, Instagram und/oder YouTube mit der Weltöffentlichkeit teilen. Dabei gilt es diverse sprachliche Konventionen einzuhalten. So sollte jeder Beitrag die Worte »Klartext«, »Lüge« und »Volksverdummung« enthalten und mit einem Ausrufezeichen enden. Ein wahrer Zeitfresser ist darüber hinaus das Löschen unliebsamer Kommentare sowie das Entfreunden der zugehörigen Verfasser.

Das ist kein Hobby mehr, sondern ein schweißtreibender Fulltime-Job.

Mich würde es nicht wundern, wenn Verschwörungstheoretiker – neben Influencer und YouTuber – bald schon ein anerkannter Ausbildungsberuf, wenn nicht sogar ein Studienfach wird. Vielleicht hören wir dann eines Tages Sätze wie: »Mein Sohn promoviert am Institut für angewandte Verschwörungstheorie und populistische Rhetorik an der Xavier Naidoo Universität in Bielefeld.«

Doch bis dahin wäre mein gutgemeinter Ratschlag an alle Verschwörungstheoretiker und die, die es noch werden wollen: Bleibt zuhause, bastelt euch einen Aluminiumhut und behaltet euer abstruses »Gedankengut« einfach mal für euch. Und falls euch die Tagesschau überfordert – bis auf Weiteres läuft täglich auch die Sendung mit der Maus.



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Raymund Krauleidis

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