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04.10.12

Stefan Schrahe

In Not

Die rote Ampelphase dauerte mal wieder viel zu lange. Wäre sie früher zu Ende gewesen, wäre mein Blick wohl nicht auf die Heckscheibe des Familien-Kombis vor uns gefallen. Ein großer Aufkleber war dort angebracht. Mit einer Internet-Adresse: www.meerschweinchen-in-not.de.

Die Ampel wurde grün und meine Frau fuhr los.

»Hast du das gelesen?« fragte ich.

»Was denn?« antwortete sie.

Ich berichtete ihr von dem Aufkleber auf dem Kombi, der jetzt vor uns her fuhr.

»Das ist ein Fake«, meinte sie.

»Ist wohl so«, stimmte ich ihr zu. »So wie diese Aufkleber mit: ›Vorsicht Turnierhamster‹.«

»Genau,« pflichtete meine Frau mir bei. »Oder: Vorsicht ›Turnier-Krokodile‹.«

In früheren Zeiten wäre die Sache damit erledigt gewesen. Aber seit einiger Zeit besitze ich ein Smart-Phone. Und da wir alleine im Auto waren und gerade weder über ein anregendes Thema gesprochen noch einen Konflikt auszuhandeln hatten, da der alltägliche Weg durch hundert mal gesehene Landschaften führte und von mir als Beifahrer auch keine besondere Aufmerksamkeit auf das Verkehrsgeschehen gefordert war, beschloss ich, doch mal kurz nachzusehen, was es mit meerschweinchen-in-not.de auf sich hatte.

»Das ist kein Fake,« murmelte ich, nachdem ich die Seite geöffnet hatte.

»Was ist kein Fake?« fragte meine Frau.

»Die Seite gibt es wirklich,« antwortete ich. »Meerschweinchen in Not gibt es wirklich.«

Mir öffnete sich gerade ein Paralleluniversum, von dessen Existenz ich bisher nichts geahnt hatte. Auf einer professionell gestalteten Seite präsentierten sich Porträts von herrenlos aufgefundenen Meerschweinchen - »Wer kennt diese Meerschweinchen?« - ebenso wie die Rubrik »Meerschweinchen der Woche«. Es gab eine Vermittlungs-Seite, auf der die possierlichen Tiere nach strengen Regeln, Vorkontrolle durch einen Bevollmächtigten des Vereins und vorheriger Unterzeichnung eines Schutzvertrages neuen Besitzern zugeführt wurden – aber nicht in reine Böckchen- oder Weibchengruppen und ebenso wenig Kastraten in gemischte Gruppen. Neben dieser Tierbörse gab es – aus welchen Gründen auch immer – eine Galerie mit genauer Beschreibung von Meerschweinchen in Wort und Bild, die als »vorübergehend nicht vermittelbar« gekennzeichnet waren.

Ich las meiner Frau vor, dass First Lady die Tochter von Stina ist und noch einen Bruder – Mopsi – hat. Dass sie als erste auf die Welt kam und so den Weg für ihren Bruder gebahnt hat, mit einem Geburtsgewicht von 114 g.

»Die hat am gleichen Tag Geburtstag wie du«, sagte ich zu meiner Frau und las weiter: First Lady sei ein nettes quirliges Schweinchen, die schon einige Schicksalsschläge in ihrem kurzen Leben über sich habe ergehen lassen müssen. Beispielsweise die Harnröhren-OP, bei der ein Stück Heuhalm entfernt wurde. Und die anschließende Antibiotika-Therapie. Dass sie sich aber trotzdem zu einem kräftigen Schweinchen entwickelt habe, das nun gern in ein endgültiges Zuhause ziehen und vielleicht eine Familie gründen wolle.

Es war aber auch zu lesen, dass diese hoffnungsvolle Perspektive nicht allen Meerschweinchen vergönnt war. Vom traurigen Hinscheiden vieler Tiere war unter der Überschrift »In Memoriam« zu lesen.

So war Hilde – ihres Zeichens ein großes, dominantes Rosettenweibchen – am 23. Januar verstorben – ganz plötzlich. Der Blick auf andere Schicksale liess ihren plötzlichen Tod jedoch geradezu als Gnade erscheinen. Von zahlreichen langen Leidens- und Krankheitsgeschichten tapferer Schweinchen wie Podolsky oder Wölkchen war da zu lesen, die nur allzu oft tragisch geendet hatten. Derer aber wenigstens, wie bei der Erinnerungstafel an die kleine Sunset zu lesen, liebevoll gedacht wurde: »Kleine Sunset, auch wenn Du nur so kurz bei uns warst, hast Du doch Deine kleinen Spuren in unseren Herzen hinterlassen.«

Veranstaltungshinweise auf die Weihnachtsfeier oder regionale Meerschweinchen-Stammtische rundeten das Angebot ab. Na schön, dachte ich mir, warum sollte es im Netz keine zentrale Anlaufstelle für alle Freunde solcher Kleinst-Haustiere geben? Aber meerschweinchen-in-not.de hat offenbar noch etwas Werbung nötig. Denn – wie ich lesen musste – belegt man bei der tagesaktuellen Hitliste der Top 50-Meerschweinchenseiten im Netz nur Rang 39 – mit absteigender Tendenz gegenüber dem Vortag. www. Meerschweinchen-Café, www-karottenwiese, www.just-schweinchen oder www.die-quieker-von-der-meerivilla können sich ebenso wie die »Grunzniggel«, die auch einen Paarungsservice anbieten, mit häufigeren Klicks deutlich besser positionieren.

Tags drauf musste mein Smart-Phone mir bei der Bewältigung eines akuten Problems helfen. Fruchtfliegen hatten sich mit Rasanz in unserer Küche ausgebreitet und ich machte mich im Netz auf die Suche nach einer probaten Abhilfe – nur um bei www.gutefrage.net über eine Diskussion über den ethisch-moralischen Aspekt der Vernichtung von Fruchtfliegen zu stolpern. »Warum müssen Lebewesen sterben, nur weil ihr Eure Küche nicht in Ordnung haltet?«, fragte ein Diskussionsteilnehmer. Ich hielt inne. Daran hatte ich noch nie gedacht. Und überlegte kurz, mal nachzuschauen, ob die Domain www.fruchtfliegen-in-not.de noch frei ist.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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