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20.01.08

Stefan Schrahe

Rauchverbotland

Ist das blöd! Da sitze ich in der gut gefüllten Kneipe am Vierertisch vor meinem Bier und die drei anderen Stühle sind leer. Sitze da wie bestellt und nicht abgeholt. Nicht, weil ich kontaktscheu wäre und niemanden gehabt hätte, der den Abend mit mir verbringen würde. Und auch nicht, weil ich das Territorium meines Tisches gegen unbekannte Platzsuchende verteidigt hätte. Ich habe nur den Fehler gemacht, mit drei Rauchern wegzugehen. Und die sind jetzt alle paar Minuten draußen vor der Tür, wärmen sich an dem dort extra aufgestellten Gasstrahler und haben Spaß. Draußen ist die Stimmung gut. Drinnen sitze ich.

So hatte ich mir das nicht vorgestellt mit dem Nichtraucherschutz. Klar war ich dafür gewesen. Hatte genug davon, bei jedem Kneipenbesuch spätestens ab halb elf mit tränenden Augen zu kämpfen und meine Klamotten anschließend komplett in den Wäschekorb werfen zu müssen. Und die Kopfschmerzen am nächsten Tag kamen bestimmt auch nicht von zweimal 0,3 mit und zweimal 0,3 ohne Alkohol.

Aber jetzt? Ein ständiges Kommen und Gehen. Spätestens nach zehn Minuten wieder nervöse Hektik, kollektives Aufstehen und es kommt mir vor, als dürfe ich bei etwas ganz Tollem, was da draußen passiert, nicht dabei sein. Ich meine sogar, ein mitleidiges Lächeln dafür zu ernten, dass ich drin bleiben muss. Was laufen für Gespräche da draußen? Wieso habe ich nach eineinhalb Stunden den Eindruck, dass da eine Verbrüderung meiner Raucherfreunde mit anderen Rauchern stattfindet, mit der ich nichts zu tun habe?

Und ab halb elf tränen mir jetzt zwar nicht mehr die Augen, ich kann auch die gegenüberliegende Wand noch erkennen und es riecht nicht mehr nach Rauch. Aber dafür nach etwas anderem. Nach Mensch irgendwie – und das ist auch nicht immer angenehm.

Oder letzte Woche: Pause im Theater. Im Nichtraucher-Theater. Aber nicht ganz. Eine kleine Glaskammer ist den Süchtigen vorbehalten, in der sich dann zwanzig Leute auf völlig zugenebelten zwei mal zwei Meter drängeln. Ich stehe außen und gucke meiner Freundin beim Rauchen zu. Reden können wir nicht durch die Scheibe und eine einzige Zigarette reicht ihr nicht, um den zweiten Akt durchzuhalten. Aber immerhin prosten wir uns durch die Scheibe zu und mir wird plötzlich klar, woher der Begriff „Rauchglas“ kommt. Als sie wieder neben mir sitzt und das Licht dunkler wird, stelle ich fest, dass sie ganz fürchterlich nach Rauch riecht. Früher, als noch im Foyer geraucht werden durfte, war mir das nie aufgefallen.

Haben wir das gewollt? Haben wir gewollt, dass Hunderte von Reisenden aus dem verspäteten ICE Berlin-Frankfurt/Main nach Ankunft des Zuges auf den Bahnsteig springen und dort jene, nur wenige Quadratmeter großen und mit gelben Markierungsstreifen abgetrennten Bereiche suchen – die weder über eine Absaugvorrichtung verfügen, noch in einer irgendeiner anderen Weise besonders rauchergeeignet wären, sondern durch schlichte Willkür entstanden sind – , in denen sie sich den lang ersehnten Lungenzug verpassen können? Ich stehe mit dem Koffer in der Hand neben meinem Kollegen und warte, bis er aufgeraucht hat. Äußerlich trennt uns nur der gelbe Streifen – in Wirklichkeit aber viel mehr.

Die Gesellschaft teilt sich auf, hört man. In Habenichtse und Besitzende. In Reich und Arm. Vor allem aber, denke ich, in Raucher und Nichtraucher.

Warum haben wir das nicht wie erwachsene Menschen hingekriegt? Warum haben die Raucher so rücksichtslos alles voll gequalmt? Und warum waren wir Nichtraucher so entsetzlich pingelig und haben uns gleich lautstark beschwert, nur weil der Wind im Biergarten Rauchschwaden vom Nachbartisch herübergeweht hat?

Jetzt haben wir den Salat und lassen unser Land – und unser Leben – von Verboten bestimmen, die uns demnächst auch noch vorschreiben werden, beim Fahrradfahren Helme zu tragen.

Die wirklich wichtigen Probleme kann das Land der Ideen offenbar nur durch Verbote lösen. Anstatt auf High-Tech oder Kreativität zu setzen. Hätte man sich nicht auf die Installation von Messfühlern einigen können, mit denen man die Rauchkonzentration in der Luft hätte messen können? Und die erst beim Überschreiten eines Grenzwerts Alarm und sofortiges Rauchverbot ausgelöst hätten, das aber bei vertretbarem Level wieder aufgehoben worden wäre? Kneipen hätten mit ihrer innovativen Klima- und Lüftungstechnik werben können: »Selbst bei voller Belegung immer im grünen Bereich.« Das hätte Arbeitsplätze im Handwerk geschaffen. Stattdessen heizen wir jetzt die Bürgersteige mit Gaspilzen und beschleunigen die Klima-Katastrophe.

Während ich immer missmutiger werde, geht die Tür auf und meine drei rauchenden Begleiter kommen wieder herein. Offenbar bester Laune. Vor zwanzig Jahren habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Jetzt überlege ich zum ersten Mal, ob ich nicht wieder anfangen soll.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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