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24.10.05

Stefan Schrahe

Novembergedanken

»Habt Ihr denn St. Martin schon was vor?«, frage ich meine Tochter und ernte nur einen verständnislosen Blick.
»Was soll man denn an St. Martin vorhaben?« fragt sie. »Wann ist das überhaupt?«
»Am 11. November«, antworte ich. »Wir sind damals mit Laternen durch den ganzen Ort gelaufen, haben an jeder Haustür geklingelt, gesungen und dafür Süßigkeiten oder manchmal auch Geld gekriegt.«
»Ach so«, erwidert sie und die Verständnislosigkeit weicht aus ihrem Gesicht. »Jetzt weiß ich, was du meinst. Du meinst Halloween.«

Ich zucke kurz zusammen. Denn es schmerzt ein bisschen. Aber es wirkt.
Mir fällt plötzlich ein, dass ich am Tag vorher bei meinem Lieblings-Discounter Kinder-Halloween-Kostüme, Halloween-Partysets und -Lichterketten gesehen habe. Außerdem Keramik-Kürbisse und Halloween-Fruchtgummis. Und dass mich seit einigen Tagen in unserer Siedlung von jeder Haustür aus ein leuchtender Kürbis mit ausgeschnittener Halloween-Fratze angrinst.

Unsere Gesellschaft ist irgendwann in den letzten zwanzig Jahren halloweenisiert worden. Als ich zur Schule ging, fand Halloween nur im Englisch-Unterricht statt – als Beispiel für fremdartige Bräuche angelsächsischer Volksgruppen. Genau wie Thanksgiving oder der Guy-Fawkes-Day. Der hatte am 5. November 1605 vergeblich versucht, das englische Parlament in die Luft zu sprengen und im Englischunterricht hieß es, seither würde das in ganz England gefeiert werden – mit Straßenumzügen, Feuerwerken und Puppenverbrennungen. Aber ich glaube, im Zuge der Globalisierung musste Guy Fawkes ebenso dran glauben wie St. Martin. Und so liegen kleine Kürbisse auf den Tischen unserer Kantine – an Halloween selber gibt es dann »Gruselsuppe« –, große Kürbisse werden überall an den Straßen verkauft und ganze Kaufhaus-Etagen in Kürbis-Orange dekoriert. Nirgendwo auf der Welt kann man sich ab Ende September vor Kürbis-Dekos und Halloween-Fratzen retten. Zumindest solange, bis die Weihnachts-Deko ausgepackt wird.

Jeder tut so, als sei das schon immer so gewesen. Als seien wir mit Halloween aufgewachsen. Sind wir aber nicht. Statt »Trick-or-Treat« haben wir »Ich geh´ mit meiner Laterne« gesungen. Verkleidet haben wir uns nur zu Karneval und sind mit selbst gebastelten Laternen hinter St. Martin auf dem Pferd hergelaufen. Am Martinsfeuer gab es Wecken aus Hefeteig, die von der Feuerwehr ausgegeben wurden. Und der Bäcker hatte ab Mitte Oktober Weckmänner mit einer kleinen Pfeife aus Gips und Augen aus Rosinen. Zu Hause haben wir Windbeutel gegessen oder Bratäpfel. Muffins kannten wir nicht und Bagels habe ich bis vor zwei Jahren für eine Hunderasse gehalten.

Heute locken Frauenzeitschriften auf den Titelseiten mit leckeren Halloween-Rezepten und Deko-Tipps für ein gemütliches Zuhause. Der Halloween-Ratgeber im Internet gibt wertvolle Tipps für die richtige Halloween-Party – inklusive Gestaltungsvorschlägen für Einladungskarten in Kürbisform und Bezugsquellen für die unverzichtbaren Pappbecher mit Kürbis-Motiven. Ein Versandhaus wirbt mit 190 brandneuen Halloween-Artikeln – vom aufblasbaren Halloween-Flaschenkühler, über das lustige Kürbis-Klopapier (225 Blatt, 2-lagig) bis zur »Scream«-Lichterkette oder der Kunststoff-Kettensäge. Und auf »heimwerker.de« gibt es unter der Rubrik »Sarg und Grabstein selber bauen« eine Bastelanleitung für den ökologisch unbedenklichen Papp-Sarg – außerdem Malvorlagen und Gruselfutter. Für Hardcore-Fans bieten Reiseveranstalter Pilgerreisen in die USA. Wer lieber zu Hause bleiben möchte, kann sich im Event-Guide von »www.halloween-im-rheinland.de« auch über Partys, »Mega-Events« oder »Specials-for-Kids« in der näheren Umgebung informieren. Fehlt nur noch, dass Ulrich Wickert ab Anfang Oktober die Tagesthemen mit Kürbis und Teelicht auf dem Schreibtisch moderiert.

Ich habe verstanden. Morgen gehe ich in den Supermarkt, kaufe mir das Halloween-Vampirgebiß und dekoriere mit dem Gummi-Skelett, der Kürbis-Girlande und der Mini-Totenkopf-Leuchte meine Wohnung. St. Martin war gestern, im April waren wir Papst und heute sind wir Halloween.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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