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27.03.06

Stefan Schrahe

Bedrucktes Papier

Mehr als vier Stunden Schlaf bekomme ich selten. Ich habe mir den Wecker jetzt auf fünf Uhr gestellt und vor eins schaffe ich selten, ins Bett zu kommen. Wenn ich aufgestanden bin, die Zähne geputzt und einen Kaffee aufgesetzt habe, bleiben mir noch ungefähr zwei Stunden, bevor er kommt. Ich höre es am Geräusch seines Mopeds. Erst ganz leise aus der Ferne, dann immer lauter, bis es schließlich unter unserem Fenster zum Stillstand kommt und der Motor abstirbt. Anschließend das quietschende Geräusch, wenn er das Gefährt auf den Mittelständer stellt. Die Schritte bis zur Haustür. Und schließlich das Klappern des Briefkastens. Er klingelt nie. Zeitungsboten klingeln grundsätzlich nie.

Wenn ich bis dahin nicht fertig bin, habe ich ein Problem. Meistens schaffe ich es aber – zumindest, seit ich so früh aufstehe. Vorher war es häufig passiert, dass ich die Zeitung vom Vortag noch nicht ausgelesen hatte. Seit vier Wochen bin ich Abonnent. Die Lokalzeitung hatte ich schon vorher, aber meist in weniger als einer halben Stunde durchgelesen. Hier passiert nicht viel. Und die Agenturberichte aus dem Rest der Welt hatte ich meist schon am Vortag im Radio gehört. Ich wollte aber meinen Horizont erweitern. Also habe ich die Überregionale abonniert.

Natürlich könnte ich die problemlos an einem Tag lesen. Leider ist Zeitungsabonnent aber kein Beruf und so muss ich weiterhin einer geregelten Arbeit nachgehen – was meine Zeit zum Durcharbeiten des umfangreichen Werks auf ein absolutes Minimum reduziert. Denn meine Frau entwickelte nach einigen Tagen eindeutige Zeichen der Eifersucht auf bedrucktes Papier und so blieb mir nur übrig, die Anzahl genutzter Stunden pro Tag zu erweitern. Erst, wenn ich neben mir ihr gleichmäßiges Atmen höre, stehe ich noch mal auf und widme mich den übrig gebliebenen Seiten. Denn bezahlt ist bezahlt und so ein Abonnement ist schließlich nicht ganz billig. Ganz durch komme ich bis eins aber nicht.

Es ist ganz schön anstrengend, nach Mitternacht über die sprachlichen Probleme von Migranten-Erstklässlern zu lesen. Oder über die Halbzeitbilanz des spanischen Ministerpräsidenten. Manchmal fühle ich mich nicht in Stimmung, morgens um halb sechs mit dem Lesen eines ganzseitigen Porträts des französischen Kulturministers den Tag zu begrüßen. Oder mit einer Kritik der neuesten Produktion des Bielefelder Stadttheaters. Ich war noch nie in Bielefeld. An das frühe Aufstehen habe ich mich gewöhnt, nur mittags werde ich jetzt immer sehr müde.

Ein neues Problem hat sich jedoch ergeben. Ich hatte ursprünglich geplant, besonders lesenswerte Artikel auszuschneiden und zu archivieren. Diese Arbeit hatte ich mir für die Wochenenden vorgenommen. Ein Freund, dessen Belesenheit ich bewundere und dem ich beiläufig von meinem Abonnement erzählte, riet mir aber, zur Abrundung meiner Lektüre regelmäßig noch jene Wochenzeitung zu kaufen, die es Donnerstags im Tageszeitungsformat am Kiosk gibt. Das habe ich auch getan. Seither habe ich zwar immer die »Zeit«, aber dafür keine Zeit mehr.

Denn es ist so, dass die Wochenendausgabe meiner Tageszeitung schon den ganzen Samstag beansprucht und währenddessen ich diese noch durcharbeite, ermahnt mich die aufgeschlagene Wochenzeitung auf dem Wohnzimmertisch bereits, mir am darauf folgenden Sonntag nichts anderes mehr vorzunehmen. So hat der Stapel noch zu selektierender Zeitungen inzwischen ein bedrohliches Ausmaß angenommen. Und mein geplantes Artikel-Archiv wartet immer noch auf die ersten Objekte.

Leider musste ich auch feststellen, dass der intellektuelle Genuss des Lesens ein wenig durch die strengen Zeitvorgaben getrübt wird, die ich mir setzen musste. Aber sonst habe ich keine Chance: Bei unter fünf Seiten in der halben Stunde, komme ich hoffnungslos in Rückstand. Leider ist es umgekehrt nicht möglich, Guthaben anzusparen. Als ich letztens krank zu Hause lag, hatte ich die Zeitung schon um 14:00 Uhr komplett durchgelesen. Ich hätte also vorarbeiten können. Aber die nächste Ausgabe kam ja erst am nächsten Morgen!

Okay, dachte ich. Dann fange ich mit dem Archivieren an. Aber bevor ich die Schere ansetzen konnte, kam mir ein neues Problem in den Sinn: Was mache ich mit dem Rest? Marcel Reich-Ranicki hat mal gesagt, Thomas Mann liest man nicht im Bademantel. Und was macht man mit einem Artikel von Helmut Schmidt über den verstorbenen Bundespräsidenten Rau? Einfach schnöde und profan ins Altpapier? Das Feuilleton einer der angesehensten Tageszeitungen als Auskleidung für die Biotonne? In eine Kiste mit kostenlosen Anzeigenblättchen oder Werbezetteln für Asia-Imbisse und Pizza-Dienste? Unvorstellbar.

Erstmal sammle ich die Zeitungen. Bevor ich selektiert habe, kann ich sowieso nichts wegschmeißen. Und im Keller ist noch Platz. Vielleicht kann man ja später mit den aussortierten Zeitungen auch was Sinnvolles anfangen. Als Verpackungsmaterial nehmen zu Beispiel. Meine Frau versteigert viel bei Ebay. Das macht sich doch gut, wenn die Eierbecher oder Damenschuhe in der »Zeit« oder der »FAZ« verpackt sind. Vielleicht kann man ja auch die Zeitungen selbst über Ebay verkaufen.

Das Problem ist nur, dass ich genügend Zeit brauche, um mit dem Aussortieren anzufangen. Eigentlich geht das nur, wenn ich Urlaub habe. Wie gut, dass wir dieses Jahr noch nichts geplant haben. Da kann ich das in Ruhe erledigen. Neue Zeitungen werden mich dabei auch nicht stören. Denn das ist ja das Schöne: Die Zeitung kann man im Urlaub einfach abbestellen.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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