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»Euphoriefalle Süden« vorgetragen von Sebastian Bagett
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

03.06.06

Elke Schröder

Euphoriefalle Süden

Wer mehr über die deutsche Mentalität erfahren will, dem empfehle ich einen Besuch in dem an Schloss Falkenlust angrenzenden Biergarten in Brühl. Er wird das Gefühl haben, in eine Bibliothek mit Ausschank geraten zu sein. Von den Gästen wird er die eine Hälfte schlafend, die andere in katatonisches Schweigen vertieft antreffen. Weiß gekleidete, regungslos den Schankpavillon flankierende Kellner wird er für Krankenpfleger halten, von einem beflissenen Steinmetz nach der Schicht versehentlich in Marmor gemeißelt. Verwundert wird er zum Eingang zurückkehren und nachschauen, ob er womöglich ein Schild mit der Aufschrift »Hier bitte Waffen, Zungen und Gesichtsmuskulatur abgeben!« übersehen hat. Er kann nicht wissen, dass wir Deutschen es ohne das Schild schaffen, seine Anweisungen zu befolgen.

Bei meinem letzten Aufenthalt im Biergarten »Falkenlust« hörte ich kurz vor dem Einnicken Geschepper und Stimmengewirr aus der Schlossküche. Eine voluminöse Alt-Stimme schwang sich aus dem Fenster, tänzelte melodiös über die Tischreihen und tröpfelte den Gästen wie warmer Honig ins Ohr. Die Sängerin, eine – O Wunder – beleibte italienische Köchin, trat ins Freie, zupfte ihre Schürze zurecht und verwandelte den Biergarten für kurze Zeit in eine sonnendurchflutete Freilichtbühne. Nach anfänglicher Irritation geschah das, was immer geschieht, wenn deutsche Verschlossenheit auf südländische Spontaneität trifft: Völlige Versteinerung gekoppelt an den Wunsch, möglichst schnell wegzurennen. Viele trugen plötzlich den Gesichtsausdruck eines Greises, der gerade versucht, von einem zu schnell eingestellten Laufband abzuspringen. Niemand kam auf die Idee, mit einzustimmen, wie es nicht nur in Italien, sondern auch in anderen südlichen Ländern zur alltäglichen Praxis gehört hätte.

Davon abgesehen sollte der durch südländisches Temperament paralysierte Deutsche auch gar nicht singen. Mit einer Stimme, die klingt, wie wenn man sie durch ein verstopftes Abflussrohr jagt, würde er nur den Augenblick versauen. Und gerade der ist es ja, für den jeder Südländer sein Leben hinzugeben bereit ist. Der durchschnittliche Deutsche verlebt da eher eine streng geregelte Kette emotionsarmer Augenblicke, die er bei einer Reise in den Süden auf Teufel komm raus durchbrechen will. Und das ist ungefähr so, als wolle man einen Esel zwingen, von heute auf morgen mit fünf Schweinehälften zu jonglieren. Der erste liebevoll angerichtete Bauernsalat, das erste herzliche Winken einer Bäuerin auf dem Weg zu ihrer Ziegenherde zerrt seine Mundwinkel hinauf bis zu den Augenbrauen. Im Schein rosaroter Glückseligkeit nimmt er nicht wahr, dass die Bäuerin wenig später auf allen Vieren mit hoch gerafften Röcken einen Hang hinunter kriecht und nur innehält, um ihre Ziegen mit einer Steinschleuder in die beabsichtigte Richtung zu jagen.

Ein Bekannter sagte mal: »Ihr Deutschen erinnert mich an diese Schnecken, die ich jeden Morgen an meiner Hauswand finde. Ich betrachte sie aufmerksam, aber die Dinger rühren sich nicht. Ich weiß nicht das Geringste über sie. Sind sie glücklich, wütend, erregt? Komme ich am nächsten Tag wieder, kleben sie an anderer Stelle, was wohl bedeutet, dass sie lebendig sein müssen. Versteh' mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen diese Schnecken. Man wirft sie in kochendes Wasser und sie schmecken gut, duften herrlich, aber da muss doch mehr sein?« »Wir lassen uns gern einsammeln«, entgegnete ich ihm.

Mein Bekannter hatte Recht: Das Höchstmaß an Verwegenheit, das der Deutsche zustande bringt, ist, mit Tennissocken ins Meer zu steigen und den heißen Fleischspieß mit bloßen Händen zu verzehren. Vom Applaus bei der Landung mal ganz zu schweigen. Jeder noch so winzigen Handlung des ausdrucksfrohen Südländers spendet er Beifall, lauscht seinem Wort kritiklos und misst ihm in seiner Bedeutung die Wichtigkeit einer internationalen Friedenskonferenz bei. Hauptsache, es klingt emotional. Solange er die Sprache nicht versteht, ist auch alles in bester Ordnung. Wie soll er ahnen, dass sie den gleichen Mist wie wir verzapfen – nur lauter. Wie würde er mit der Tatsache umgehen, dass sie am Tisch über ihn herziehen, weil er vertrauensvoll all jene Dinge isst, die er in Deutschland nie anrühren würde?

Besser, die Sprache erst gar nicht zu erlernen. Wer will sich seine herrlich mediterrane Mahlzeit an der Gebirgsquelle neben einer uralten Platane schon mit einem ins Ohr gebrüllten: »Hey, Wichser, ich fick' die Muttergottes, hey!« verderben lassen? Oder die Euphorie beim Empfang einer Gemüsetüte nebst Wein aus den Händen einer lächelnden Alten, von der man annimmt, sie komme selbst kaum über die Runden? Wieviel schöner, hemmungslos schluchzend über Gurken und Tomaten zusammenzubrechen, als zu realisieren, dass die Gemüseoma das Zeug im Überfluss hat und es sonst an die Schweine verfüttern müsste. Deutsche kommen mit solchen Geschenken einfach nicht zurecht. Zuhause würden sie auf eine Plastiktüte mit frischen Zucchini höchst misstrauisch reagieren, an Almosen denken, die Lebensmittel auf Schädlingsbefall oder versteckte Abhörgeräte untersuchen. Es käme zu einem Prozess wegen Beleidigung und Rufmord, der im günstigsten Fall auf einen Vergleich hinauslaufen würde.

Deshalb ist der Deutsche nicht etwa schlechter als der Südländer. Nur jagt ihn seine Mentalität nicht nach draußen vor das Haus, wo er winkend im Türahmen steht und nach Fremden Ausschau hält, um sie mit selbst geschmierten Stullen und Bier voll zu stopfen. Seine Gastfreundschaft bedarf sorgfältigster Vorbereitung. Einladungen müssen verschickt und entweder abgesagt oder angenommen werden. Dem Südländer wurde die Gastfreundschaft in die Wiege gelegt. Dafür kann der Deutsche sich besonders gut spontan hinter dem Fenster auf den Boden werfen und die Atmung solange einstellen, bis die unangemeldete Verwandtschaft verschwunden ist. Die südländische Gastfreundschaft bewertet er über, weil er sie als das bewundert, was ihm sonst nur unter Aufbietung aller Willenskraft gelingt: Sich nämlich vom Boden hinter dem Fenster zu erheben und die Verwandtschaft herzlich gestikulierend hereinzulassen.

Seit meinem Italienischkurs gehe ich nicht mehr in den Biergarten »Falkenlust«. Aus der Schlossküche könnten Lieder erklingen, die man üblicherweise von Leuten hört, die zwischen Bierflaschen groß geworden sind.



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Geboren 1967 in Köln. Nach langjähriger Gehirnwäsche auf einem erzbischöflichen Gymnasium für Mädchen folgte kein Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften, Linguistik oder Theologie [..]

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