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27.07.07

Holger Uhlig

Die Fahrausweise bitte! Oder
Von Messingleisten und Schrumpfhoden

In ein Buch versunken sitze ich in der U-Bahn und werde wieder einmal beim Lesen gestört. Nicht durch übel riechende Zeitgenossen, die sich laut ächzend mit regennassen Müffelklammotten neben mich zwängen. Nicht durch Kinder, die die Familienkasse mit dem Quälen von ziehharmonikaähnlichen Gegenständen aufbessern müssen, sondern durch einige Herren in Blau.

Wenn man mit dem ÖVP durch Hamburg fährt, passiert einem das alle Nas lang. Die Herren – und neuerdings sogar Damen – vom HVV (Hamburger Verkehrsverbund, oder so ähnlich) wollen die Fahrscheine sehen. Ich krame aus meiner nassen Jacke die Monatskarte hervor und halte sie wie einen Schild vor mich, um die Belästigung auf ein Mindestmaß zu beschränken. »Wem gehört das Fahrrad hier?«, vernehme ich aus den Reihen der Blaubedressten. ›Wieso, ist es nicht ordentlich geparkt, oder fehlt die Bremse?‹, fährt es mir durch den Kopf. »Wem gehört das Fahrrad?«, wird wiederholt. Alle schauen sich an, dann fährt es mir durch den Kopf, Mann, das ist meines. Ich melde mich. »Aha«. Ein mittelgroßer Uniformträger schaut abwechselnd mitleidig auf die Uhr und auf mich. »Steigen Sie bitte mit aus«, sagt er energisch. »Äh, wie jetzt, warum soll ich aussteigen?« »Es ist vor 9.«, antwortet er. »Ja schön, und«? Neben ihm erscheint ein muskelbepackter untersetzter Fleischberg mit Babyface und wiederholt: «Bitte steigen Sie mit uns aus«. Ok, ok wenn ihr mich so lieb bittet, steige ich also mit aus. Die Bahn fährt weiter, toll. Blaumann wendet sich mir zu: »Es ist 8.55 Uhr«. Super, ein Zeitfetischist, denke ich mir.

»Das Mitnehmen von Fahrrädern zwischen 6 und 9 Uhr ist nicht erlaubt«, wirft mir Babyface entgegen. Ah, daher weht der Wind. »Es ist 8.55 Uhr«, gebe ich zu bedenken. »Es regnet in Strömen und es sind nur noch fünf Minuten, Sie müssen doch wegen dieser fünf Minuten kein Problem daraus machen, die U-Bahn ist fast leer, außerdem habe ich niemanden behindert«. »Sie dürfen nicht vor 9 Uhr in U-Bahn sein mit Fahrrad«, erklärt mir der angestrengt ums Hochdeutsche ringende Kontrolletti.« »Sie dürfen nicht auch auf der Bahnsteig sein«. »Wie jetzt, wo darf ich nicht sein, im Zug oder auf dem Bahnsteig?«. Babyface springt seinem die Worte ausgehenden Kollegen zur Seite. »Sie dürfen den kostenpflichtigen Kontrollbereich vor 9 Uhr nicht betreten, dieser ist mit einer Messingschwelle im Fußboden gekennzeichnet«, betet er auswendig gelernt aus dem Handbuch für Fahrkartenkontrolleure vor. Na also, denke ich, da hat der Volksschulabschluss doch noch etwas genutzt. Er baut sich nun mit verschränkten Armen vor mir auf. ›Du solltest nicht so oft ins Solarium gehen – die Haut altert dann schneller und irgendwann siehst du aus wie eine Bulldogge‹, fährt es mir durch den Kopf. Blaumann verlangt meinen Personalausweis und schreibt die Daten ab.

Ob ich Babyface sage, dass Anabolika zu großen Muskeln aber Schrumpfhoden führen, wie man es in der Dusche jedes Muskelstudios beobachten kann? Ich lasse es, sein süffisantes Grinsen zeigt mir, dass er nur zu gerne eine kleine nicht verbale Auseinandersetzung hätte. »Abzocke«, murmle ich nur. Die stellen sich aber auch an, wegen ein paar Minuten. Es waren 13, um genau zu sein, ich hatte schon ein paar Stationen hinter mir, bis die Kontrolle kam. Aber jetzt, fünf Minuten – ihr blöden Bürokraten. Hier herrscht deutsche Pünktlichkeit. Super, nur leider nicht für mich. »Das kostet zehn Euro«, gibt mir Blaumann zu verstehen, und Babyface lächelt dumm. Dann ziehen sie ab. Schrumpfhoden wirft noch einen kleinen Seitenblick über die Schulter, ob sich nicht doch noch eine lautere Unmutsäußerung von mir zu einer netten Keilerei ausnutzen lasse. Ich bleibe stumm und schau gleichfalls dumm auf die Zahlungsanweisung in meinen Händen. Falsche Zeit, falscher Ort - fünf Minuten zu früh.

Allen Schwarzfahrern sei empfohlen: Wenn ihr die 60 Euro erhöhtes Beförderungsgeld sparen wollt, kauft euch ein Fahrrad und fahrt nur zwischen 6 und 9 Uhr mit der U-Bahn, das kostet nur zehn Euro.

Warum? Meinen Fahrschein hat keiner kontrolliert.



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Holger Uhlig

Geboren 1968 in einem kleinen Städtchen namens Schleiz im Herzen Thüringens. Nach der Grundausbildung in Marxismus-Leninismus gelang ihm 1989 der Sprung über die damals immerhin schon eine Woche [..]

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