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16.04.12

Christoph Wesemann

Mein neues Leben mit Rückkopplungskontrolle

Lieber Leser,

ein Bitte vorab: Wenn Sie das Bedürfnis haben zu lachen, lachen Sie leiser. Früher konnte mir nie laut genug gelacht werden, ich weiß, aber da hatte ich auch nur 70 Prozent Hörvermögen. Die hohen Töne gingen oft unter, weshalb vor allem Frauen teilweise unnatürlich laut lachen mussten, damit ich es überhaupt mitbekam.

Jetzt ist das anders.

Es ging ja auch nicht mehr so weiter. Ich hatte am Ende alle Menschen in meiner Umgebung, meine Frau, die Kinder, Kollegen, Freunde, unter Nuschelverdacht. Ich habe sogar Leute, die beim Radio arbeiten, aufgefordert, deutlich zu sprechen. Alle haben genuschelt!

Irgendwann diagnostizierte die Ärztin meine Taubheit, und nach einer kurzen Bedenkzeit von eineinhalb Jahren bin ich dann zum Hörakustiker gegangen. Mein Hörakustiker war eine Hörakustikerin, eine sehr hübsche überdies. So wünscht man sich das ja. Das Leben in einem Land mit demografischen Sorgen besteht zwar vorrangig aus Begegnungen mit reiferen, manchmal auch noch robusten Damen. Aber je unangenehmer und peinlicher es wird, umso hübscher und jünger werden sie. Es ist das Phänomen »Zahnarzthelferin«: Je gelber die Zähne, umso blonder die Feen. Das ist ein Klischee? Nee.

Frau D., meine Hörakustikerin, war reizend. Wir trafen uns über Wochen immer wieder und machten jedes Mal Hörtests. Die Computerstimme sagte ein Wort, das ich wiederholte: Kampf – Hanf, Ast – Axt, Reim – Bein, Vers – häh, Teil – geil. »Schon besser als beim letzten Mal«, sagte Frau D.

Und irgendwann hörte Frau D. auf zu nuscheln, und ich hatte hinter jedem Ohr – der Fachmann sagt »beidohrig« – ein Hörgerät namens Agil pro Mini perlschwarz. Das für links hat einen blauen Stöpsel, das für rechts einen roten. Sie gehören zur Spitzenklasse. Darüber gibt's nur noch die Premiumklasse, darunter gleich vier. Das, was in meinen Ohren steckt, ist teurer gewesen als der große Familiensommerurlaub 2010 (eine Woche Färöer Inseln, vier Wochen Island), teurer als meine Küche, als meine komplette Hochzeit. Die Krankenkasse zahlt kaum etwas.

Spitzenklasse heißt: vollautomatische Lautstärkeregelung, adaptive mehrkanalige Richtmikrofone, Rückkopplungskontrolle, wirkungsvolle Sprachanhebung und Lärmreduzierung, herausragender Tragekomfort. Bluetooth, Fernbedienung und die persönliche Wahl von individuellen Hörprogrammen – alles möglich. Was das bedeutet? Keine Ahnung. Ehrlich. Man sieht meine perlschwarzen Agil Pro Mini Ex nicht oder kaum. Das war mir wichtig.

Na ja, noch sieht man sie nicht. Noch habe ich ja genug Haar, in dem sie sich verstecken können. In 15 Jahren, nein: natürlich schon viel früher, wird das Versteckspielen dort oben schwieriger sein. Und dann? Bin ich noch keine fünfzig. Herrje! In dem Alter kriegen andere die erste Lesebrille.


Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass der Fortschritt überall ist, auch bei der Hörakustik. Technik schrumpft mit der Zeit. Die ersten Computer waren so groß wie meine Wohnung und konnten weniger als das, was heute in jede Hosentasche passt. In meiner Schulzeit gab es einen Jungen, der einen Kassettenrecorder auf der Schulter trug, aus dem »Roxette« lärmten. (Was ist aus dem Jungen eigentlich geworden? Hört der heute auch schlecht? Und wenn ja, noch immer »Roxette«, nur viel lauter?) Dann kam der Walkman, dann der Discman und die Minidisc, dann der MP3-Player. Die Geräte wurden kleiner und unauffälliger.

Ich könnte mir sogar vorstellen, dass man im Jahr 2025 gar nichts mehr hinterm Ohr zu tragen braucht. Da reicht vielleicht eine App auf dem Mobiltelefon, die alles verstärkt. Oder man trägt die Geräte irgendwo am Körper. Ich würde das Gesäß bevorzugen, das rote Hörgerät auf die rechte Pobacke, das blaue auf die linke, schön überwuchert vom Haar, das wenigstens dort noch sprießt.

Die Frage ist nur, wer schneller ist: der Fortschritt oder mein Haarausfall?

Wenn wir uns wiedersahen, fragte Frau D. immer, wie sich mein Alltag verändert habe, ob mein Leben schöner und einfacher geworden sei. Nun ja, einerseits schon. Die Zeitung, sie raschelt und knistert! Die »Süddeutsche« übrigens anders, irgendwie tiefgründiger als »Bild«, und auch zwischen »taz« und »Faz« gibt es Unterschiede. (Ja, Sie sehen mich wahrscheinlich bald bei »Wetten, dass...?«) Das Leitungswasser, es rauscht! Ich habe mich die ersten drei Tage dauernd heimlich in die Küche geschlichen, um den Hahn aufzudrehen. Wie ein Süchtiger! Und ich höre die Vögel wieder zwitschern, ich dachte, die wären längst alle tot.

Andererseits: überall dieser Lärm. Kinder können ja so laut sein. Meine Kinder! Und alles ist so kompliziert. Ich besitze einen handlichen Trockner, in den ich abends meine Hörgeräte hineinlege. Vorher muss ich die winzigen Batterien herausnehmen und so wegpacken, dass sie am Morgen noch da sind. Außerdem soll ich meine zwei Freunde mindestens einmal am Tag putzen – mit einem Feuchttuch. Die Freunde schwitzen nämlich. Morgen werde ich zum ersten Mal die beiden Filter wechseln. Einmal im Jahr muss ich meine Hörgeräte einschicken – zur Durchsicht. Und falls ich sie verlieren sollte und Ersatz kaufen müsste, könnte die Familie zwei Jahre lang nicht in den Urlaub fahren. Das Geplärre will ich gar nicht hören.

Ich wäre jetzt gern glücklich. Ich kann wieder hören. Aber vieles überfordert mich.

Ich habe seit 30 Jahren eine Brille, auf die ich aufpassen muss, drei Kinder samt eigener Feuchttücher, ich habe zwei Blogs und neuerdings einen Twitter-Account mit aktuell neun Followern, und ungefähr 20 Passwörter. Eine neue Fremdsprache (Spanisch) soll ich lernen, dabei habe ich die alte Fremdsprache (Russisch), die ich nie richtig gelernt hatte, gerade erst vergessen. Ich habe einen Sohn, der Rockstar werden will, ohne Gitarre zu lernen. Und weil ich auch will, dass er ein Rockstar wird, damit ich sein Manager werden kann und die verdammte Plackerei ein Ende hat, schleppe ich wie ein Roadie alles heran: Gitarre, Notenständer, Fußpult, Lehrbuch. Er mault und rennt weg - und ich mit der Gitarre immer hinterher.

Frau D. hat mich übrigens gleich am Anfang gefragt, ob ich mal in einer Band gespielt hätte. Sie wollte verstehen, warum ich so schlecht höre, sie suchte nach Ursachen für meine Taubheit. Ich hatte drei Wochen Flötenunterricht, damals in der dritten Klasse, aber auch nur jeden Mittwoch eine halbe Stunde am Nachmittag. Ich war weder bei der Bundeswehr noch im Schützenverein. Bei meinem letzten Diskobesuch lebte der alte Holzmichl noch. Das lauteste Hobby meines Lebens war: Blitzschach. (Könnten Sie noch ein bisschen leiser lachen? Danke.)

Abends ist es jetzt so: Brille absetzen, Hörgeräte herausnehmen und pflegen, Zähne putzen, und das Pieseln darf ich bei all dem auch nicht vergessen, sonst wache ich um drei Uhr auf. Wissen Sie, was das für einen Mann bedeutet, der am liebsten vor dem Fernseher einschläft? Und morgens dann alles noch mal: Brille auf, Hörgeräte rein, Urin raus, Zahndreck weg.

Übrigens: Ich bin eher schweigsam. Einmal hat Frau D. die Hörgeräte an ihren Computer angeschlossen. Sie wollte wissen, in welcher Geräuschkulisse ich so lebe, und natürlich sicher sein, dass ich meine perlschwarzen Agil Pro Mini Ex nicht den Kuscheltieren meiner Kinder einstöpsele. Ich bin zu 72 Prozent »zuhörend« und nur zu zwölf Prozent »redend«. Der Rest ist irgendwas.

Wenn ich früher Unsinn geredet habe, musste ich das von den Gesichtern ablesen. Jetzt höre ich es.

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Christoph Wesemann

Galt nach seinem heldenhaften, 18 Monate dauernden Überlebenskampf in der Ukraine – Korruption, Wodka, Kind Nummer 2 – für eine Weile (2009-2012) als verschollen. Hielt sich aber an [..]

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