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»In meiner idealen Welt bekäme ich Geld für diese Kolumne« vorgetragen von Kai Schwind
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

03.01.06

Katrin Wiegand

In meiner idealen Welt bekäme ich Geld für diese Kolumne

Jahreswechsel. Das Fondue ist verdaut, das knubbelige Bleigießen-Ergebnis, das uns wie jedes Jahr im Symbol-Erklär-Heftchen fieberhaft nach der Bedeutung von »Alien« oder »Qualle« hat suchen lassen, ist entsorgt, die Böllerverpackungen fügen sich harmonisch in den dreckigen Straßenmatsch ein. Zeit für Aus- und Rückblicke, für Bilanzen und Vorsätze. Meine Bilanz des letzten Jahres? Ging so.

Gut, einige weltgeschichtlich relevante Ereignisse kann ich mir auf die Fahne schreiben. Das ist nicht wörtlich zu verstehen, ich besitze keine Fahne, wenn man mal von den Häppchen-Dekorier-Fähnchen absieht, die man im Hunderter-Pack kauft, aber die sind zu klein zum Beschreiben.

Also, was habe ich im vergangenen Jahr geleistet? Nun, in aller Bescheidenheit, dank mir kam es in 2005 zu keinem weltweiten Atomkrieg. So. Häkchen drunter.

Doch ich blicke auf vom karierten Schmierpapier, auf welches ich diese Zeilen kritzele und schaue in skeptische Gesichter. »Du, und einen Atomkrieg verhindert? Wie soll das denn angehen?« rufen sie mir zu.

Nun, wie ich das genau gemacht hab, verrate ich natürlich nicht. Für wie blöd halten Sie mich? Dann wäre es ja nichts besonderes mehr, dann könnte ja jeder Dahergelaufene einfach Atomkriege verhindern. Es gibt Dinge, die müssen sich einer gewissen Exklusivität erfreuen, und das Verhindern von Atomkriegen gehört meiner Meinung nach dazu. Wer darüber diskutieren möchte, gründe doch ein entsprechendes Forum im Internet. Außerdem musste ich mir diese Fertigkeit ja auch ganz allein aneignen, ein bisschen knifflig ist es nämlich, wenn man nicht weiß, wie es geht.

Die skeptischen Gesichter verziehen sich ein wenig ins Spöttische. »Wenn Du tatsächlich einen Krieg verhindert hättest, dann hätten wir doch schon von dir gehört. Wir lesen schließlich allerlei Zeitungen und sehen die Nachrichten, und zwar nicht nur die auf RTL 2.«

Ich lächle milde und falte die Hände und erwidere: Das ist sehr löblich, das mit den Zeitungen, vor allem die Verleger wird es freuen, aber natürlich habt ihr da nichts von mir lesen können. Ich arbeite im Geheimen. Gutes tun und die Fresse halten, das ist das Motto, was auf einem Messingschild an meiner Haustür geschrieben stünde, wären nicht die Messingschildpreise so unverschämt hoch. Täte ich Gutes und würde die Fresse nicht halten, sondern sie im Gegenteil laut aufreißen, müsste ich mir auch die Lippen aufspritzen lassen und mir einen lustigen Nachnamen mit mehreren Os darin zulegen, und dazu habe ich keine Lust. Meine Lippen erfüllen auch ohne Spritzen alle Anforderungen, die ich an sie stelle. Den Nachnamen zu ändern würde zudem eine Flut von Behördengängen nach sich ziehen und Behördengänge meide ich wie Pfützen mit durchgesuppten Knaller-Verpackungen.

Meine angeborene Bescheidenheit verbietet mir an dieser Stelle zu erwähnen, dass ich der Grund dafür bin, dass Deutschland immer noch eine Demokratie ist. Auch dass dank meines Wirkens Uschi Glas noch lebt, verschweige ich mit gesenkten Augenlidern. Und nein, dafür brauchen Sie mir wirklich nicht zu danken. Vor allem für letzteres nicht.

Aber genug der Bilanz, sehen wir nach vorne, schauen wir auf die kommenden Monate des noch so jungfräulichen 2006. Was wird sich wohl alles ändern? Gut, wahrscheinlich nicht so viel. Bleibt doch immer irgendwie, wie es war. Mal hier ein Skandal, dort ein Reförmchen, eine Naturkatastrophe am Gott sei dank weit entfernten Horizont, aber letztlich kommt sauberes Wasser aus dem Hahn und auch der umgefallenste Strommast steht irgendwann wieder. Im Großen und Ganzen läuft es ja. Also, hier bei uns jedenfalls.

Gut, in einer idealen Welt würde sich natürlich einiges ändern. Zumindest in meiner idealen Welt. Nichts Großes. Die Weltpolitik soll ruhig auf sich selbst aufpassen, ich habe ja im vergangenen Jahr schon mein Soll erfüllt, siehe oben. (Sollten Sie jetzt wirklich oben nochmal nachsehen, müssen Sie sich den Vorwurf eines unaufmerksamen Lesers aber sowas von gefallen lassen.)

In meiner idealen Welt gäbe es zum Beispiel im Winter nur zwei mögliche Außenbedingungen: Sonnenschein mit geschlossener Schneedecke oder Sonnenschein ohne Schnee. Sämtliche anderen Aggregatzustände wie vermatschter Schneerest im Rinnstein, Dauerregen oder gar Hagelschauer sind unnötig, unschön und der Volksgesundheit abträglich. In meiner idealen Welt würde allerdings auch jeder, der sich über das Wetter beklagt, mit sofortigem Haarausfall oder, wo dies nicht mehr nötig, mit starkem Haarwuchs an unpassenden Stellen bestraft.

Bestraft würden in meiner idealen Welt auch jene, die mit Akkordeons bewaffnet in U-Bahnen ihr dudelndes Unwesen treiben. Härter bestraft würden jedoch jene, die die Akkordeonspieler durch Geldspenden zu ihrem Tun noch ermuntern!

In meiner idealen Welt hätten Millionen von Jahren der Evolution Katzen hervorgebracht, die ihr Fell nicht verlieren, sondern es zweckdienlich am Körper behalten. Die gleiche Evolution hätte übrigens auch das Entstehen und Überleben von Tieren mit mehr als 6 Beinen verhindern können, wenn wir schon dabei sind.

In meiner idealen Welt schlagen Blitze nur bei Menschen ein, die gerade dabei sind, Spam-Mails zu versenden.

Die vormals skeptischen Gesichter bekommen jetzt feuchte Augen und nicken beifällig. Ach so, das würde Ihnen also auch gefallen? Hm, das wird aber ein Stück Arbeit. Na gut, ich sehe mal, was ich tun kann. Aber beschweren Sie sich dann nicht über einen Atomkrieg.



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Katrin Wiegand

Jahrgang 1972.

Aufgewachsen im Vordertaunus, hat sie es nach zwei Jahren Zwischenstation in Berlin nun ins Ruhrgebiet verschlagen.

Nach Abitur und beruflichen Um- und Irrwegen, die [..]

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