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21.06.06

Dominik Baur

Kleine Kolumnen erhalten die Freundschaft (Zweiter und letzter Teil der Trilogie)

Ulf macht es schon wieder. Fast wie zufällig tritt er vom Trottoir und schlendert mit einer Hand in der Hosentasche zur anderen Straßenseite. Die beiden Möpse immer hinter ihm her. Behäbig polieren sie mit ihren fetten Hundewänsten das Kopfsteinpflaster. Seit drei Wochen geht das jetzt so. Und es ist kein Zufall: Mein Nachbar geht mir aus dem Weg. Warum nur? Ich werde ihn zur Rede stellen. Schließlich sind Ulf und ich inzwischen fast so etwas wie Freunde – trotz des Altersunterschieds. Und obwohl er eigentlich wirklich nicht der Typ von Mensch ist, dessen Umgang ich suchen würde. Doch irgendwas verbindet uns.

Aber jetzt weicht er mir aus. Ob ich was falsch gemacht habe? Einmal die Treppe nicht geputzt, ein falsches Wort über die Köter vielleicht, man weiß ja nie ... Leute, die in seinem Alter noch die grauen Haare zu einem Pferdeschwanz binden, sind sehr schnell eingeschnappt. Behaupte wenigstens ich. Und Tiffany behauptet, ich hätte keine Ahnung von Menschen.

Ich muß mit ihm reden. Nein, nicht jetzt. Ein andermal. Ich habe keine Zeit, ich bin in Eile. Ich bin immer in Eile, ich habe nie Zeit. Mein Arzt sagt, wir ruinierten mit der ständigen Hetzerei unsere Gesundheit. Dabei meint er nur die meine.

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Manchmal nimmt der Tod auch die Treppe

Foto von Dominik Baur

Jetzt steht er dort drüben - Ulf, nicht mein Arzt. Tut so, als betrachte er das Schaufenster der kleinen Boutique. Und die Mistviecher pissen ans Fahrrad von der Frau Wondrazil. Die wird eine Freude haben. Ich bin schon wieder zu spät dran. Weil Tiffany sich nie merken kann, wo sie das Auto geparkt hat. Hoffentlich nicht wieder auf dem Behindertenparkplatz.

Tiffany mag Ulf nicht. Zu uns in die Wohnung darf ich ihn nicht mitbringen. Und sie kommt nie mit, wenn ich auf ein Glas Wein nach drüben gehe. Dabei jammert seine Frau schon immer: »Bringen Sie doch mal Ihre hübsche Freundin mit. Ich koch' uns dann was Schönes. Königsberger Klopse. Das mag sie doch bestimmt.« Nein, Tiffany mag keine Klopse, keine Möpse, und vor allem mag sie Ulf nicht.

Zuerst habe ich mich ja auch gewundert, als Ulf mir eines Tages beim Bier eröffnete, er sei der Tod. Nein, nicht eigentlich der Tod, erklärte er mir, während er sich ganz nah zu mir rüberbeugte, damit mir auch ja nichts entgehe. Es gebe natürlich nicht nur einen Tod. Wie ich mir das denn vorstellte? Bei der Menge von Menschen, die Tag für Tag stürben. Ich glaubte ja auch nicht, daß es einen einzigen Nikolaus gebe, der in einer Nacht Millionen Kindern Geschenke bringe.

Mein kleinlautes Eingeständnis, daß ich bislang davon ausgegangen war, es gebe überhaupt keine Nikoläuse, sondern nur schlecht ernährte Studenten mit roten Kapuzen, ignorierte Ulf und erläuterte mir das System des Sterbens. Er beispielsweise sei ausschließlich für unser Viertel zuständig. Man könne es wesentlich schlechter treffen. Mehr als einer sterbe hier selten pro Woche. Gut, es gebe dann noch den ganzen Papierkram, schließlich müsse auch im Jenseits alles seine Ordnung haben. Aber es bleibe immer noch genügend Zeit für Frau und Hunde.

Natürlich habe ich Ulf am Anfang kein Wort geglaubt. Aber dann fragte er mich, ob ich den Herrn Selhuber kenne, diesen Mittvierziger aus dem Hinterhaus, der immer so nett grüßt, wenn er an einem vorbeijoggt. Fast fühlte ich mich ein bißchen schuldig, als der Bus ihn am nächsten Tag überrollte.

Trotzdem. Mich stört Ulfs Job nicht. Ich halte viel auf meine Toleranz. Andere machen auch Drecksarbeit. Ulf ist ein netter Kerl - und ein guter Verlierer beim Schach. Wir spielen viel Schach.

Verdammt, warum spricht er nicht mehr mit mir? Ich will es jetzt wissen. Jetzt sofort. Muß die Arbeit halt mal warten. Ich renne über die Straße, hinter mir quietschen Bremsen. Ulf beschleunigt seinen Schritt, versucht, mir über die Treppe am Ende der Straße zu entkommen. Die Treppe führt zur Trambahnhaltestelle hoch. Die Sonne blendet. Als ich die Stufen erklommen habe, sehe ich, wie er auf eine wartende Tram zusteuert. Doch ich bin schneller. Ich packe ihn an seinem modrigen Trenchcoat und verlange mit heftigen Worten eine Erklärung.

Ulf windet sich. Die Möpse glotzen mich an. Der Trambahnfahrer flucht und schließt die Türen. Ich müsse verstehen, sagt Ulf schließlich, er habe da einen etwas unangenehmen Auftrag. Seine Worte gehen fast im Straßenlärm unter. Er wolle halt einfach Privates und Berufliches strikt voneinander trennen. Und dann lächelt er mich noch ein letztes Mal an.

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Dominik Baur

Er wurde um 21.45 Uhr am rechten Ufer der Isar – also quasi mitten in Manhattan – geboren, wußte schon früh, was seine Berufung war, folgte ihr freilich nicht, stieg statt dessen aus [..]

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