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02.06.03

Guido Heyn

Schöne moderne Welt

Ist es nicht schön hier zu leben, in diesem Land, zu dieser Zeit, auch wenn die Kleinigkeiten des Alltags immer komplizierter werden?! Aber das ist wohl der kleine Preis, den man zahlen muss, wenn man die Vorzüge unserer Zivilisation genießen will.

An was man heutzutage zum Beispiel so alles denken muss, mein Gott! Ich muss zum Beispiel jeden Monat daran denken die alte Monatskarte durch die neue zu ersetzen. Ich muss einen Termin für den Tierarzt machen – auch Katzen haben Zahnstein –, ach ja gleich noch einen Zahnarzttermin für mich – natürlich nicht beim Tierarzt –, einmal im Quartal den obligatorischen Bertelsmann-Kauf durchführen, weil man ja den Kündigungstermin damals verpasst hat – an den hätte man ja früher denken müssen –, die Steuererklärung muss noch gemacht werden und dazu muss ich daran denken die Quittungen zusammenzusortieren, das Auto braucht immer noch den Ölwechsel, den ich vor Wochen schon machen wollte – hab nicht dran gedacht, TÜV und AU sind auch schon wieder fällig, den linken Scheinwerfer müsste ich auch schon längst reparieren, die Treppe kehren sprich der Hausordnung nachkommen, weil sonst die rentnerlichen Nachbarn wieder meckern ... An das alles und noch viel mehr muss ich denken, immer und immer wieder ... Dabei würde ich so gerne, wenn ich nicht gerade arbeiten muss, einfach entspannen und an nichts denken müssen. Ich habe mir jetzt definitiv vorgenommen nicht mehr an so viele Dinge zu denken. Ich habe mir diesen Vorsatz sogar in Großbuchstaben auf einen Zettel geschrieben und ins Portemonnaie gesteckt. Ich muss nur daran denken, immer wieder auf diesen Zettel zu schauen.

Und mein Portemonnaie wird auch immer dicker, und das nicht, weil ich etwa immer mehr Bargeld mit mir rumschleppe. Nein, das geht ja auch gar nicht. In diesem Punkt bin ich unserer SPD-Regierung ja auch sehr dankbar, dass mir nicht viel von meinem Gehalt bleibt, weil meine Geldbörse sonst aus allen Nähten platzen würde. Nein, mein Portemonnaie wird immer dicker, weil einem heutzutage alle ihre Plastikkarten aufzwängen: die EC-Karte, die vom ADAC, die Karte von der Videothek, von der Krankenkasse, vom Bertelsmann-Club, vom Sparbuch, vom Arzt, die Kaufhaus-Punkte-Rabatt-Karte, die Jahreskarte vom Zoo, die Karte vom Fitness-Center, die Happy-Digits-Karte, die Stechkarte von der Arbeit ... Einem Brandzeichen gleich bekommt man die Plastikkarten aufs Auge gedrückt. Hast Du keine Plastikkarten, bist Du kein Mensch. Als hätten sie einem mit jeder Karte wieder ein Stück der Seele geraubt.

Oder das Einkaufen: Ich mache mich auf den Weg zum Tengelmann in meiner Straße. Da es ein Großeinkauf werden soll, nehme ich für die eigentlich zu kurze Strecke doch das Auto. Beim Supermarkt angekommen, öffne ich meinen Kofferraum und hole die Tengelmann-Dosen aus dem Regal, das ich dort eigens eingebaut habe, um die Dosen, die ich an den verschiedensten Orten gekauft hatte, zu sortieren. Man kann ja die Dosen leider nur an den Orten abgeben, an denen man sie gekauft hat – Danke Regierung. Das größte Fach ist natürlich das für den Tengelmann, denn dort kaufe ich die meisten Dosen. Dann gibt es noch diverse kleinere Fächer, alle mit Zetteln beschriftet, für die anderen Quellen der Buntmetallflüssigkeitsbehälter (Kioske, Getränkeautomaten von Bahnhöfen verschiedener Großstädte etc.). Dabei liegt natürlich noch ein Aktenordner, in dem die verschiedenen Quittungen, Bons und Tokken (so heißen im Tengelmann die Pfandscheine für die Dosen) fein säuberlich nach Ort sortiert sind. Aus besagtem Ordner hole ich dann die entsprechenden Tokken heraus und stecke sie ins Portemonnaie. Nachdem ich endlich meinen Einkaufswagen bis zum Anschlag gefüllt und die Waren dann wieder aus Förderband an der Kasse gelegt habe, gebe ich meine Tokken ab, dann muss ich die leeren Dosen in einem nach abgestandenem Bier stinkenden Korb hinter der Kasse entsorgen. Inzwischen türmen sich die gescannten Waren hinter der Kasse auf, und ich hetze, um sie wieder in den Korb zu kriegen, man will ja die hinter einem anstehenden Leute nicht behindern. Dann bekomme ich für die neuen Dosen neue Tokken, gebe der Kassiererin meine Happy-Digits-Karte, man will ja irgendwann mal was fürs Einkaufen zurückbekommen, und sei es nur ein Taschenrechner in Scheckkartenform. Schließlich gebe ich ihr auch noch meine EC-Karte. Als Dank dafür, dass ich mir diesen ganzen Stress habe antun dürfen, soll sie ordentlich was von meinem Konto abziehen. Das Einpacken, das In-den-Wagen-schaffen, das Aus-dem-Wagen-holen, das Treppe-hoch-schleppen und das Verstauen-in-der-Küche will ich nicht näher ausführen.

Manchmal möchte ich das alles einfach vergessen und friedlich in einem kleinen abgeschiedenen Häuschen mit genug Abstand zu größeren menschlichen Siedlungen leben. Keine belastenden Verpflichtungen mehr, nur Ruhe und Natur. Aber an was man dann wohl alles denken muss?! Manchmal möchte ich auch einfach nur in Rente gehen, obwohl ich erst 34 bin. Aber wer soll mir die zahlen, zumal die Regierung ja jetzt auch schon wieder an den sowieso kriselnden Renten noch zusätzlich rumkürzt.

Das ist auch einer der Gründe, warum ich mir langsam ernsthaft Sorgen um die SPD mache. Ich befürchte, die macht's nicht mehr lange. Denn die Parole »Die SPD tritt für soziale Marktwirtschaft ein« erheitert inzwischen jede Gesprächsrunde. Aber andererseits, wenn die SPD stirbt, was soll's. Es kostet uns ja nichts, sie hat das Sterbegeld ja abgeschafft.

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Guido Heyn

Geboren? Ja. Und zwar in Berlin, damals noch im fernöstlichen Teil. Ein 69er ist er. Er hat damals aber nur gegen dreckige Windeln demonstriert.

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