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08.11.07

Raymund Krauleidis

Braindead oder
Wie Google mein Leben zerstörte

Mein geistiger Verfall war ein schleichender Prozess. Dass die Speicherung dessen, was meine Frau mir am Vortag erzählt hatte in den seltensten Fällen die Nacht übersteht, war bereits länger der Normalzustand. Dies war jedoch nicht weiter besorgniserregend, da besagter Effekt weniger mit Vergesslichkeit oder Demenz zu tun hatte, sondern lediglich die Folge eines sehr komplexen und mit der Zeit perfektionierten Filtersystems meines männlichen Gehirns war. »Schatz, das hatte ich Dir doch gestern erzählt!« – »Kann sein! Mein Cache wurde aber zwischenzeitlich geleert ...«.

Das dramatische Ausmaß meines Verfalls wurde mir vielmehr eines schönen Morgens bewusst. Ich glaube, es war vor zwei Tagen. Oder drei. Oder letzte Woche. Ich saß am Frühstückstisch und lauschte den Klängen meines Lieblingssenders im Radio, als ich auf einmal dieses Lied hörte. Ich war mir sicher, am Vortag hätte ich Songtitel und Interpret noch aus dem ff aufbeten können – an besagtem Tag jedoch lieferte die Abfrage meiner internen Song-Datenbank plötzlich nur noch »?«.

Panisch versuchte ich, mein Großhirn zu rebooten und suchte gleichzeitig händeringend nach Eselsbrücken, die mich auf die Lösung meines schwerwiegenden Problems zu bringen im Stande sein könnten.
Zu der Zeit, als das Lied aktuell war, war ich mit Susi zusammen. Oder mit Meike. Oder .... Mist, wie hieß noch die kleine Brünette mit den großen Möpsen? Jedenfalls hatten wir damals zu diesem Lied Sex – was mich der Lösung des Problems aber keinen Schritt näher brachte, da ich seinerzeit zu beinahe jedem Lied Sex hatte. Sogar zu AC/DC, obgleich es sich dabei stets als äußerst schwierig erwies, den Takt zu halten ...

Ich könnte ja auf der Homepage des Radiosenders nachschauen. Das käme jedoch einer erneuten Kriegserklärung an meine Synapsen gleich und mit denjenigen, die mir davon noch funktionstüchtig verblieben sind, wollte ich es mir in Anbetracht meiner prekären Situation nicht auch noch verscherzen. Außerdem war das Internet zu einem nicht unwesentlichen Anteil mit schuld an meiner Misere. Als bekennender Anhänger der »Generation Google« beschloss ich nämlich eines Tages, sinnloses Wissen nicht weiter in meinem Gehirn abzuspeichern sondern auf Google auszulagern, um mir hierdurch mehr wertvollen Speicherplatz für wirklich wichtige Informationen zu verschaffen. Brain-Outsourcing nannte ich das.

Blöderweise bemerkte ich erst zu spät, dass ich a) sinnloses Wissen meistens dann abrufen wollte, wenn ich von einem internetfähigen Rechner ungefähr so weit entfernt war wie Pinguine von der Wüste Gobi sowie b) der freigeräumte Speicherplatz in meinem Gehirn sich wider Erwarten nicht mit anderen Informationen zu füllen gedachte, sondern stattdessen zunehmend degenerierte wie ein Eisbär in der Sahara. Damit musste jetzt endgültig Schluss sein!

Vielleicht doch noch einmal googeln? Nur noch dieses eine Mal ...

Wenn mir wenigstens der Anfangsbuchstabe der Band eingefallen wäre. Ich dachte, mich dunkel daran erinnern zu können, dass es ein ›G‹ war. Oder ein ›M‹. Ich spielte in meinem Kopf weitere 24 Möglichkeiten durch (da es ein angelsächsischer Text war, schloss ich die Umlaute von vornherein aus), um zum traurigen Schluss zu kommen, dass ich wirklich keine Ahnung hatte. Ob es bei Harald Juhnke auch so anfing? Und wieso zur Hölle konnte ich mich an Harald Juhnke erinnern, aber nicht an die gottverdammte Drecks-Band, die gerade diesen Scheiß-Song in diesem dämlichen Radiosender vor sich hinträllerte?

Entnervt und verzweifelt beschloss ich, die Wohnung zu verlassen und hoffte, durch natürliches Doping in Form frischen Sauerstoffs mein Gehirn wieder einigermaßen in Schwung bringen zu können. Mein Haus war gerade außer Sichtweite, als es mich die Lösung meines Problems wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf: »Where is my mind« von den »Pixies«! Von der Euphorie über meinen geistigen Erfolg getragen und abgelenkt, rempelte ich versehentlich eine Passantin an. Sie schaute mir verdutzt ins Gesicht, lächelte und sagte: »Was machst Du denn hier?«. »Kennen wir uns?«, entgegnete ich verunsichert und musterte die mir vage bekannt vorkommende Person.

»Sicher ... Ich bin Deine Frau!«

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Foto: Raymund Krauleidis

Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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