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13.05.09

Raymund Krauleidis

Eine Frage der Ehre

»Steckt er richtig drin?«, frage ich meine Liebste. »Steckt!«, bestätigt sie mir fachfräuisch. »Und wieso tut sich dann nichts?« brumme ich mürrisch vor mich hin und drücke wahllos irgendwelche Knöpfe auf der Fernbedienung. Da hat man seine bessere Hälfte endlich so weit, dass man sich von seinem hart angesparten Taschengeld den neuesten 86-Zoll-Plasma-Fernseher kaufen darf und nun das. Wieso funktioniert das Schmuckstück nicht? Strom hat er zumindest, wenn ich meinem Schatz Glauben schenken darf.

Der Weg bis hierher war lang und steinig. »Wir brauchen doch keinen neuen Fernseher«, bekam ich stets zu hören. Ich versuchte daraufhin monatelang erfolglos, ihr den Unterschied zwischen »brauchen« und »wollen« zu verdeutlichen. Aber immer wenn man denkt, man habe seine bessere Hälfte argumentativ in der Tasche, weil sie genau das tut, was sie einem selbst vorwirft (in diesem Fall etwas käuflich zu erwerben, was sie zwar nicht braucht, aber unbedingt haben will – nennen wir es der Einfachheit halber mal »Ohrringe«), bekommt Mann zu hören, dass das ja jetzt etwas völlig anderes sei, was man gar nicht vergleichen könne. Der genaue Unterschied bleibt jedoch eine ungelöste X-Akte, weil Frau auf selbigen nicht weiter eingehen möchte. »Denk doch mal nach!« bleibt meist der einzige Hinweis.

Ich vermute übrigens sehr stark, dass es gar keinen Unterschied gibt, denke derzeit aber noch angestrengt darüber nach ...

Es erfüllte mich zugegebenermaßen mit einer gewissen Genugtuung, dass der alte Fernseher ausgerechnet während der spannenden Schlussphase einer »Desperate Housewives«-Folge den Geist aufgab. Schuld daran war natürlich wieder einmal ich, da ich ja monatelang nur von einem neuen Fernseher gesprochen hätte, es aber angeblich nicht auf die Reihe bekam, einen solchen auch tatsächlich zu besorgen. Ich ließ die Schimpforgie jedoch freudig über mich ergehen – schließlich hatte ich nun die offizielle Erlaubnis!

Und jetzt steht er tatsächlich in unserem Wohnzimmer. Wie schön er ist. Sein silberfarbenes Gehäuse schimmert sanft im Abendlicht während das staubfreie Display eine jungfräuliche Unschuld ausstrahlt. Wenn er nun noch funktionieren würde, wäre ich der glücklichste Mann der Welt.

Ich kontrolliere zur Sicherheit noch mal den Sitz des Netzsteckers in der Steckdose. »Hab doch gesagt, dass er steckt! Denkst Du ich bin doof«, fährt sich mich an. »Ja«, denke ich. »Nein«, sage ich. Plötzlich meint sie, die rettende Idee zu haben: »Lies' doch einfach mal die Bedienungsanleitung, Schatz.«

Nun gibt es bekanntermaßen Dinge, die ein Mann niemals tun würde: Desperate Housewives anschauen zum Beispiel. Oder sich die Augenbrauen zupfen. Oder aber Bedienungsanleitungen lesen. Ich habe mir einen Fernseher gekauft, weil ich fernsehen möchte. Würde ich lesen wollen, hätte ich mir stattdessen ein Buch gekauft – so einfach ist das! Bedienungsanleitung, tse ... Männer vertrauen ihrer Intuition. Und wenn diese einmal nicht ausreichen sollte, um ein elektronisches Gerät zu bedienen, dann ist das lediglich ein Armutszeugnis für das Gerät. Oder ein Indiz für unsaubere Lötstellen.

Also gehe ich in den Keller und suche meinen Lötkolben. Ich habe zwar keine Ahnung vom Innenleben eines nagelneuen Plasma-Fernsehers, aber komplizierter als das einer Frau wird es schon nicht sein. Ob sie wohl auch unsaubere Lötstellen hat? Das würde zumindest einiges erklären ... Jedenfalls bringe ich das Schmuckstück zum Laufen – auch wenn es das Letzte ist, was ich tue. Und zwar ganz ohne die Bedienungsanleitung!

Mit Schraubendreher und Lötutensilien nebst Schutzausrüstung bewaffnet, kehre ich schließlich ins Wohnzimmer zurück, in dem es sich meine Liebste mittlerweile mit der Bedienungsanleitung in den Händen auf der Couch bequem gemacht hat. Ich bin gerade dabei, die Schrauben des Gehäuses aufzudrehen, als sie kurz von dem monströsen DIN-A4-Schmöker aufblickt und sich beiläufig erkundigt, ob ich denn auch Batterien in die Fernbedienung eingelegt hätte: »Hier steht ...«



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Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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