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24.04.11

Michael Meyn

Scheiß Nebenwirkungen

Die kleine, weiße Pille ist für meinen Blutdruck. Laut meinem Hausarzt ist dieser sehr hoch. Der Blutdruck, nicht mein Hausarzt. Der ist ziemlich niedrig. Die perfekte Körpergröße zum Testen der Prostata. Und das macht er mit sadistischem Vergnügen. Hat stets einen strahlenden Blick drauf, wenn er sich die behandschuhten Finger mit Gleitmittel einschmiert und auf meinen Hintern zustürzt.

»You might feel a little discomfort«, warnte er mich beim letzten Besuch, nachdem er in mich eingedrungen war.

»Don't worry, I've had bigger«, entgegnete ich gelassen, worauf der Arzt beinahe vor Enttäuschung in die Knie sank. Er überlegte kurz und strahlte plötzlich wieder auf.

»Your blood pressure is high. Very high! You will be dead by Friday.«

Das waren vernichtende Nachrichten, doch mein Doc hielt mir sogleich ein oranges Döschen unter die Nase.

»Here, take these. You have to take one pill every day for the rest of your life.«

»For the rest of my life?«

»Yes, but that's only till Friday.«

Zufrieden studierte er meinen beklommenen Gesichtsausdruck und klopfte mir glucksend auf den Rücken.

»Cheer up, I'm kidding! You will be fine.«

»Touché.« Die Runde ging eindeutig an ihn. »Can you please take your hand out of my ass now?«

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck

Die andere Pille, die ich täglich schlucken muss, ist bräunlich und etwas größer als die weiße Pille. Sie wurde mir verschrieben, weil mich mein Rippchen in einer hitzigen Diskussion mit Wulfgäng erwischte, in der es darum ging, ob man für eMails Umschläge benötigte. Die Debatte verlor ich, doch als Ausgleich gewann ich einen Psychiater. Oder Psychotherapeuten. Oder Psychologen. Ich kenne mich mit den Unterschieden nicht aus, und als mir Dr. Stern weitschweifig seine genaue Funktion in unserer Beziehung unterbreitete, war ich in Gedanken immer noch mit dem Versuch beschäftigt, zu begreifen, wie es Wulfgäng gelungen war, mich zum Erwerb von 250 eMail-Umschlägen für 99 Dollar auf einer fragwürdigen Website zu überreden. Dann war die erste Stunde auch schon vorbei. Ich fuhr heim mit einem weiteren orangen Döschen in der Tasche.

»Die Nebenwirkungen sind irre!«, staunte mein Rippchen später beim Überfliegen des Beipackzettels. »Dieses Medikament solltest du mit Vorsicht genießen.«

Unbeeindruckt schluckte ich die erste Pille und breitete ich mich auf der Couch aus.

»Das müssen die so da drauf schreiben, Schnuckie. Die sichern sich nur rechtlich ab.«

»Ach ja? Hör' dir das mal an: ›In ganz seltenen Fällen kann es zu Magenbluten und/oder Herzstillstand kommen.‹ Willst du dir das wirklich antun?«

»Wie kannst du mich das ernsthaft fragen? Schließlich habe ich es dir zu verdanken, dass ich diese Dinger schlucken muss. Dr. Stern meint, sie werden mir helfen, mich im Leben besser auf die Realität zu konzentrieren. Das hast du doch gewollt, oder nicht?«

Mein Rippchen ignorierte meinen Einwurf. »Auf Alkohol unbedingt verzichten! So steht's hier«, las sie laut.

»Auch das ist Unsinn. Lass mich nun bitte für einen Moment die Augen zumachen.«

 

Zum Abendessen gab's Lasagne und Rotwein. »Wie im Paradies«, lallte ich nach dem vierten Glas Rotwein, mein Rippchen knuddelnd. »Schnuckie, du bist die Beste!«

»Für dich koche ich immer gern! Sollen wir uns jetzt einen Film anschauen?«

»Absolut nicht! Ich muss schlafen.«

 

Die Nebenwirkungen, das sollte ich bereits am nächsten Tag erfahren, waren in der Tat irre. Nicht alle waren negativ. So hatte sich beispielsweise mein Sehvermögen schlagartig verbessert. Ich bemerkte dies unter der Dusche beim Haarewaschen. Trotz halb zugekniffener Augen sah ich deutlich, wie unsere Nachbarin, die dicke Penny, die Betten in ihrer Wohnung frisch bezog. Doch damit nicht genug! Sogar um die Ecke schauen konnte ich, und im Sternbild Orion entdeckte ich zwei bewohnte Planeten. Später stellte sich aber heraus, dass ich all dies nur geträumt hatte, denn die kleinen, bräunlichen Pillen machten mich ungemein müde, wodurch ich mich im Liegen, Stehen und selbst im Laufen selten länger als 15 Sekunden wach halten konnte und von extrem real wirkenden Tagträumen heimgesucht wurde. Nach einigen Tagen kam ich mit den neuen Begebenheiten etwas besser zurecht. Ich lernte, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Sicher lag es an den weißen Pillen, dass ich mir anfänglich einbildete, eine Art Superheld zu sein. Das wurde mir bei dem kläglichen Versuch, wie Superman auf ein Picknick zum Stadtpark zu fliegen, bewusst. Nein, ich muss laufen, wie jeder andere Mensch. Als Roter Blitz bin ich zwar schneller am Ziel, aber fliegen wäre trotzdem schöner gewesen.

Zusätzlich fiel mir eine gewisse Immunität gegen Schmerzen auf. Einmal zerfleischte Wulfgäng meine Waden, weil sie sich einbildete, ich hätte den Postboten am Briefkasten abgefangen, um mir die eMail-Umschläge einzuheimsen. Ich spürte nichts. Auch die direkte Konfrontation mit einem Linienbus auf einem Blitzbesuch zum Stadtpark fügte mir keinerlei Schmerzen zu. Daher kann ich mir nicht erklären, wieso ich nun, in Ergänzung zur weißen und bräunlichen Pille, dreimal täglich eine blaue Pille schlucken muss. Aber mein Hausarzt versicherte mir, es wäre nur von kurzer Dauer, bis das Blut in meinem Stuhl wieder vollständig verschwunden sei. Und Dr. Stern, mein Psychotherapeutenloge, schwor auf das Grab der Großmutter einer seiner Patienten, dass sich die bräunliche Pille prima mit der weißen und blauen Pille vertragen würde.

 

Es war in einer sternklaren Nacht, als ich in ungewohnter Stellung aufwachte. Ich lag auf der Seite, doch mein linkes Bein sowie mein linker Arm waren ausgestreckt und zeigten in Richtung Mond. Das beunruhigte mich, weshalb ich aufstand, um mir einen starken Kaffee zu kochen. Es dauerte gut eine halbe Stunde, bis ich alles soweit vorbereitet hatte, dass ich die Kaffeemaschine anschalten konnte. Mein Körper machte dabei eigenartige Bewegungen. Mehrmals warf ich ungewollt die Kaffeedose an die Wand und dann kippte ich mir auch noch die mit Wasser gefüllte Kanne über den Kopf. Wulfgäng sah sich das Schauspiel amüsiert an und miaute. Ich verstand kein Wort.

»Das sind bestimmt die Nebenwirkungen«, argwöhnte mein Rippchen mit verschränkten Armen. Der Lärm hatte sie geweckt, und nun stand sie im Nachthemd vor mir. Ich nickte: »Nein, nein. Alles in Ordnung.«

Unkontrolliert hüpfte ich an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Eigentlich hatte ich ins Badezimmer gewollt. Nun gut, pinkeln konnte ich auch noch später. Oder gleich hier in den Blumentopf? Mein Rippchen eilte zur Rettung.

»Was ist denn los mit dir ?!« Besorgt zog sie meine Schlafanzughose wieder hoch. Zu unserer beider Verblüffung schlug ich mir selbst ins Gesicht und rannte drei Runden um den Wohnzimmertisch.

»Ich weiß nicht. Irgendwie will mir mein Körper nicht gehorchen.«

»Das merke ich,« rief sie mir hinterher, als ich in einer gewagten Judorolle vom Balkon sprang. »Vielleicht solltest du wenigstens die Finger vom Alkohol lassen.«

Ich schrie über die Schulter zurück: »Hervorragender Vorschlag! Ich liebe dich!«

Dann biss ich mich in einer Palme fest und zeigte auf den Mond.



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