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18.01.06

Stefan Arenz

Katzen sind wie Frauen, nur klüger

Bisher hielt ich Tiere für eher banale und uninteressante Variablen meines Lebens. Doch Tierkolumnen kommen an (Platz zwei für Tobias Kaufmanns letzte Nicht-Baby-Kolumne), weshalb ich beschlossen habe, ebenfalls Kolumnen über Viehzeug zu verfassen. Fas est et ab hoste doceri, sagte schon Ovid. Das Sujet (Katzen) war rasch gewählt, nachdem Tobias K. in erwähnter Kolumne hartherzig über Hunde gelästert hatte. Dabei zählen diese bekanntlich zu den besten Freunden des Menschen, sind gradlinig, geduldig, treu, hübsch, goldig und kämpferisch, wohingegen Katzen, diese Biester, allerhöchstens mit egozentrisch, verschlagen, hinterlistig, faul und desinteressiert umschrieben werden können. Das mag Katzenfreunde provozieren, aber ich habe meine Gründe. Man beachte alleine den Wortklang: Das langgezogene »u« deutet auf ein kluges, geduldiges Tier hin, welches tagelang hechelnd am Fenster auf Herrchen und Frauchen warten würde, während die »Katze« mit hartem »K«, kurzem »a« und gemeinem »tz« irritiert und verunsichert. Hund reimt sich auf gesund, Erdbeermund und Friedensbund, Katze hingegen auf Tatze, Fratze oder Glatze. Eindeutiger könnte die Sachlage nicht sein.

Notorische Hundehasser behaupten das Gegenteil. »Hunde hinterlassen Häufchen«, hetzte Kolumnist Kaufmann. Korrekt, doch Katzen koten ebenfalls, und noch dazu drinnen, wo's stinkt und stört. Gibt es überhaupt ein Tier, das nicht? Wieso erregt sich jedermann über die natürlichen Verdauungsvorgänge von Hunden? Früher wurden ganze Kot-Urin-Suppen auf die Straße gekippt, und es hat auch niemanden gestört. Ich ärgere mich viel mehr über aufgedunsene Tauben, die phlegmatisch und hundehaufengleich auf unseren Straßen hocken und sich, ohne mit der Schulter zu zucken, von jedem Dahergelaufenen oder Dahergefahrenen plattwalzen lassen. Oder über Idioten, welche diese geflügelten Ratten auch noch füttern. Oder über die fette Spinne, die fortwährend auf unseren Wohnzimmerspiegel kackt. Wer hätte gedacht, dass Spinnen derart kacken können, gerade im Verhältnis zu ihrer vergleichsweise geringen Größe? Aber deshalb sauge ich sie ja auch weg (keine Sorge: die klettern hinterher wieder aus dem Sauger heraus, aber der steht dann im Keller).

Zurück zu Katzen. Die Tante meiner Freundin ist Katzennärrin. Eigentlich ist Tante Else sowieso ziemlich verrückt. Jedenfalls besitzt sie Katzen, viele Katzen. Mindestens fünfhundert Stück. Bronzene Katzen, Katzenstatuen, auf Tassen gemalte Katzen, Katzenwasserspeier, Katzenkerzen, Katzendecken, Katzenkissen, Katzenfliesen, einfach alles. Sollten Sie jemals irgendetwas suchen, was entfernt mit Katzen zu tun hat, fragen Sie Tante Else. Als ich das erste Mal bei ihr zu Besuch war, in dem kleinen Wohnzimmer auf der Katzendecke saß und aus einer der Katzentassen Tee trank, fiel mir auf, dass eine der fünfhundert Katzen um uns herum sich bewegte. »Das ist Sonny«, klärte mich Tante Else auf. »Ein Kater aus Indien mit einem ellenlangen Stammbaum. Sehr teuer.« Ich betrachtete die Katze erstaunt. Sie – bzw. er – war klein, fleckig und hatte ein spitzes Maul. Wollte ich ihn streicheln, fauchte und biss er, wollte jemand anders ihn streicheln, fauchte und biss er ebenfalls. »Ja, er ist schon ein Biest«, lachte Tante Else und streckte beherzt ihre Hände nach Sonnyleinchen aus. Der fauchte erschrocken, wand sich, schrie, schlug mit seinen Krallen wild um sich und versuchte mehrfach, Tante Else in die Hand zu beißen. Schließlich, nach einigen Minuten erbitterten Kampfes, gewann Tantchen – arg zerkratzt – die Oberhand, drückte Sonny neben sich in den Sessel und setzte sich derart neben bzw. auf ihn, dass Kätzchen sich nicht mehr rühren konnte. »Ach, Sonny«, seufzte die Tante und tätschelte der Katze liebevoll den spitzen Kopf. »Du kleiner Racker.« Ich versteh's nicht.

Etwas später wollte ich Sonny zum Zwecke der Zerstreuung ein Wollknäuel zuwerfen. Er starrte, ohne eine Miene zu verziehen, zunächst meine werfende Hand an, dann den fliegenden Knäuel, und drehte schließlich genau in dem Moment sein schönes Köpfchen gelangweilt zur Seite, als das Bällchen provozierend knapp vor ihm landete. Jeder normale, intelligente Hund wäre begeistert aufgesprungen, hätte nach dem Ball oder Stock gebissen, daran gezogen und wäre schließlich hechelnd und wedelnd zu seinem Herrchen gerannt – dieses Katzenvieh hingegen ließ jegliche Reflexe vermissen. Erst als ich enttäuscht weg sah, sprang Sonny auf und begann, wie ein Wilder mit dem Stoffball zu spielen. Egozentrisch, faul, desinteressiert, wie ich schrieb. Und gemein.

Da lobe ich mir doch einen Hund.

Männer sollen ja generell Hunde präferieren, weil diese gradlinig und treu seien, so wie sie selbst, wohingegen Frauen Katzen bevorzugten, weil diese – nun ja. Das Prinzip wird im Film »War of Roses« (unschön übersetzt mit »Rosenkrieg«) anschaulich vorgeführt, wenn Oliver Rose die Katze seiner Frau Barbara aus Versehen überfährt, woraufhin diese aus Rache den Anschein erweckt, sie habe seinen Hund zur Pastete verarbeitet und soeben an ihn, Oliver, verfüttert (für Kenner des Films an dieser Stelle: »Wuff«). Ein wahrhaft katzenhaftes Verhalten der Dame: verschlagen, hinterlistig und gemein. Auch ich habe diesbezüglich Erfahrungen gesammelt. Einst lief ich einer schlanken, eleganten Katzendame hinterher, die sich vor meinen Augen sehnig wand und streckte, gummiartig von Schrank zu Schrank sprang und aufdringlich-erotisch um meine Beine schawenzelte. Ich begann vorsichtig, sie zu streicheln, und sie schnurrte zärtlich. Ich streichelte sie intensiver und sie schnurrte noch zärtlicher. Schließlich rollte sie sich schnurrend und gurrend auf den Rücken, räkelte sich und streckte mir ihren zart behaarten Bauch entgegen. Ich streichelte auch diesen, und gerade als unsere beiderseitige Erregung ihren Höhepunkt erreichte, zog sie mir mit ihren Krallen urplötzlich über Hand und Arm, fauchte und verschwand mit einem Satz um die Ecke. Während ich noch meine Blutungen stillte, meinte ich, sie von ferne höhnisch kichern zu hören. Verschlagen und hinterlistig, wie ich schrieb. Gewisse Parallelen zu gewissen ähnlichen Verhaltensmustern bei weiblichen Menschenwesen sind kaum zu übersehen. Trotzdem glaube ich nicht, dass Frauen und Katzen völlig gleich strukturiert sind. Beispielsweise eilt meine Freundin sofort herbei, wenn ich sie rufe, weil ich ihre Hilfe benötige, eine Katze hingegen niemals. Es gibt also auch Unterschiede. Die Katze ist schlauer. Na und? Intelligenz ist nicht alles, werte Katzen.

Katzen sind übrigens nicht nur biestig. Einige überaus peinliche und unangenehme Verhaltensweisen kommen hinzu. Das schamlose Lecken mittels ihrer rauen Zunge an den unmöglichsten Körperstellen beispielsweise. Das Verspeisen von Mäusen und anschließende Auswürgen der unverdaulichen Bestandteile. Die zerkratzten Möbel. Das ständige Haaren. Und die vielen Haare. Außerdem meine Katzenallergie.

Wenn schon Katzen, dann nur richtig große. Während eines verkaterten Frühstücks am Neujahrsmorgen erzählte mein Freund P. mit rotgeäderten Augen beiläufig und zusammenhanglos, dass als einzige Raubkatze der Gepard tatsächlich gezähmt werden könne. Ein wilder Gepard könne also quasi auf einen treudoofen Hund reduziert werden, der aber weiterhin aussehe wie eine ziemlich große Katze mit erstaunlich großen Zähnen. Ich habe später während der Heimfahrt von meinem eigenen Geparden geträumt. Ich werde ihn »Möhrchen« nennen. Und im Stadtpark, wenn dicke Damen ihre kleinen Kläffer ausführen, rufe ich laut »Möhrchen, komm!« – und während die dicken Damen noch gerührt zu mir herüberlächeln, jagt – mit einer Beschleunigung von 0 auf 90 in drei Sekunden und einem maximalen Tempo von etwa 110 Stundenkilometern – meine Raubkatze heran: Tadamtadamtadam ... Der Kratzbaum, den ich Bekannten vorführe, wird ein mannsdickes Gerät sein mit einigen beängstigend tiefen Kratzern. Wenn meine Bekannten fragen, woher denn bloß diese mächtigen Kratzer stammten, winke ich lässig ab: »Das? Ach, das war nur Möhrchen, meine Katze. – Möhrchen! Wo bist Du denn, mein kleiner Racker?« – Tadamtadamtadam ... Nicht zu vergessen die Katzentür, durch die zur Not auch ein kleines Pony unser Haus betreten könnte. Die überaus witzige Strichliste an der Gartenpforte (10 Briefträger, fünf kleine Kinder usw.), wäre endlich einmal kein doofer Scherz, sondern blutiger Ernst. Ergänzt um meinen handschriftlichen Eintrag: »32 1/2 Hunde (derzeitiger Stand)«. Tadamtadamtadam ...

Eigentlich mag ich keine Tiere.

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Stefan Arenz

1978 geboren, aufgewachsen in Eschwege (harmlose Kleinstadt im nordhessischen Nirgendwo) und zur Schule gegangen, ist Stefan Arenz der Exot unter den Kolumnisten, denn er ist Jurist. Also total [..]

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