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01.03.03

Dominik Baur

Der kleine Moralist

»Sakra!« Jetzt bleibt's wieder an ihm hängen. Behutsam, fast zärtlich nimmt der Schiermoser seine Dienstwaffe aus dem Nachtkastl. Seinen Lebtag hat er sie noch nicht benutzt. Doch jetzt soll es offenbar sein. Nicht irgendein James-Bond-Verschnitt von der CIA oder dem Mossad verrichtet dieses unappetitliche Werk. Nein, er muß es tun. Er, der Sepp Schiermoser aus der Au, seines Zeichens Polizeibeamter. Es ist nach Mitternacht; die Annamirl, seine Frau, liegt neben ihm, dreht sich unruhig im Schlaf und murmelt irgendwas von Knödeln und Diktatoren vor sich hin. Er nimmt sein Kopfkissen, vielleicht dämpft es ja den Lärm des Schusses ein wenig. Im Schlafanzug schleicht er sich aus dem Schlafzimmer und huscht im Dunkeln – nicht ohne sich dabei an der kleinen häßlichen Kommode von Tante Dorothee gehörig das Knie anzuhauen – ins Zimmer seiner Tochter ...

Foto (Jesusfigur)

Foto von Dominik Baur

Aber beginnen wir da, wo unsere Geschichte angefangen hat – und das war an einem besonders harmlosen Montag im Februar: Annamirl räumt in der Stube das Geschirr vom Frühstück ab; auf »Bayern 1« erzählen sie gerade, es gebe nun doch keinen Krieg. Nach dem plötzlichen Verschwinden Saddam Husseins habe irgendein General Soundso die Regierung im Irak übernommen, den USA Verhandlung über Gott und die Welt angeboten und den Vereinten Nationen als Zeichen des guten Willens schon mal fünf Atombomben überreicht. Und Sepp Schiermoser schickt sich an, zur Arbeit zu gehen.

»Grüß Gott, Herr Schiermoser.« Kaum hat der Polizeioberwachtmeister die Wohnungstür aufgemacht, sieht er sich zwei ihm unbekannten Herren gegenüber. Der eine, ein Mann mit einem dieser Gesichter, an die man sich eine Stunde später garantiert nicht mehr erinnern kann, stellt sich vor: Er komme im Auftrag der Regierung und man habe gehört, bei den Schiermosers stehe zur Zeit ein Zimmer frei. »Gehen Sie, seien Sie so gut! Bei Ihnen vermutet ihn keiner.« Und dann betont er noch, wie verdient sich die Schiermosers dadurch um den Weltfrieden machten. »Denn wenn Herr Saddam kein Exil findet, gibt es schließlich Krieg. Und das wollen Sie doch nicht!« Ehe der Hausherr antworten kann, fügt der Besucher schnippisch hinzu: »Oder?« Nein, nein, natürlich will Sepp Schiermoser den Weltfrieden nicht gefährden. Er mustert den zweiten Herrn: Schwarze, buschige Augenbrauen, Schnauzer – ganz wie auf der Titelseite des »Spiegel«. Keine Frage: Es ist Saddam Hussein, der irakische Diktator. Pardon: Diktator a.D.. Und doch wirkt er anders als auf den Bildern und im Fernsehen. Er hat fast etwas Schüchternes, dieser Mann, der jetzt im staubigen Straßenanzug mit einem kleinen Köfferchen vor ihm steht. »Vergelt's Gott«, verabschiedet sich sein Begleiter, und ehe sich der Schiermoser versieht, steht er mit Saddam allein da.

Na gut, denkt sich der Polizeioberwachtmeister: Wenn's denn sein muß. Schließlich ist es für einen guten Zweck. Und das Zimmer der Tochter wird ja zur Zeit wirklich nicht benutzt. Die weilt in den Vereinigten Staaten. Schüleraustausch. »Please come in«, kramt der Schiermoser in seinen bescheidenen Englischkenntnissen und beißt sich gleich darauf auf die Zunge. »Please« – zu einem solchen Verbrecher sagt man doch nicht »bitte«! »Follow me«, fügt er drum besonders schroff hinzu, nur um festzustellen, daß der Gast ohnehin des Englischen noch weniger mächtig ist als er selbst – eigentlich überhaupt nicht. Aber brav trottet er dem Schiermoser hinterher.

»Das ist fürs erste Ihr Zimmer.« Wenn's eh wurscht ist, kann er auch deutsch reden, denkt sich der Schiermoser. Er führt Saddam ins Reich seiner Tochter: Der beäugt interessiert das Hochbett Tromsö an dem ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift »Ich hab' Dich echt lieb« hängt, eine Eroberung von der letzten Wiesn; auch die Wippbanane Måne hat es dem Diktator angetan. Nachdem er noch die Poster von Britney Spears, den No Angels und Leonardo DiCaprio eingehend begutachtet und eben kurz die CDs des Teenagers überflogen hat, stellt er sein Köfferchen in die Mitte des kleinen Zimmers, dreht sich um und lächelt den Schiermoser an. Das kommt unerwartet für diesen. Unangenehm berührt schaut er zur Seite, klopft noch eben an einen Käfig, indem ein Meerschweinchen namens Derrick haust, und meint: »Um den können Sie sich dann auch gleich kümmern, wenn Sie schon hier sind.«


Drunten in der weißen Au pfeift derweil der Hausmeister beim Schneeschaufeln sein Lied. Blau wie eh und je. Eine Amsel wirft mit Schneebällen nach ihm. Vom Fenster aus schaut Saddam den beiden zu. In der Ecke des Hinterhofs steht ein Schneemann. Er sieht aus wie Paolo Conte, nur blasser.


Eigentlich ist das Zusammenleben mit einem Diktator ziemlich unproblematisch, wie sich in den nächsten Tagen erweist. Er schmutzt nicht, braucht nicht lang im Bad, reden tut er gar nichts und wenn doch, versteht es keiner. Und was das Essen angeht, ist er völlig anspruchslos. Egal ob Schweinsbraten mit Semmelnknödeln, saures Lüngerl oder Pizza von Bofrost – ihm schmeckt's. Wenn der Schiermoser da an seine Schwiegermutter denkt ... Aber lassen wir das!

Seine Frau, die Annamirl, freilich war anfangs wenig begeistert von der Idee, mit Saddam Hussein unter einem Dach zu leben. Das sei doch alles ein Schmarrn, was gehe sie der Weltfrieden an. Ein Diktator gehöre in einen Palast und nicht ins Tromsö ihrer Tochter. Und überhaupt: Wenn's um den Weltfrieden geht, sollen sich doch die Regierenden gefälligst selber drum kümmern. »Soll doch die Doris für ihn kochen oder die Stoiberin! Aber nein, wir, die kleinen Leut', dürfen's wieder ausbaden.« Aber irgendwann ergab sie sich den Argumenten ihres Gatten. Mit zwei Worten nur hatte der ihr die Situation erklärt: »Ja, mei!« Dieser Logik konnte sich die Annamirl Schiermoser in ihrer Einfachheit nicht entziehen. Und seit sie einmal, als sie Saddam das Essen ins Zimmer der Tochter bringen wollte, über diese saudumme Kommode von Tante Dorothee stolperte und sich die ganze Bratensoße über den hellbeigen Teppich ergoß, gibt sich die Frau des Hauses sogar damit zufrieden, daß der Diktator beim Essen mit am Tisch sitzt. Und insgeheim freut sie sich wohl auch darüber, wenn Saddam angeschmecks ihrer Kochkunst mal wieder anerkennend mit dem Kopf nickt.

Doch wohl ist dem Schiermoser bei der Sache durchaus nicht. Ist das Ganze nur ein Spaß? Vielleicht ist der Mann, den er und seine Frau für einen der größten Verbrecher der Welt halten, ein harmloser Doppelgänger. Man weiß ja, wie viele Saddam davon hat. Heimlich sucht der Schiermoser die ganze Wohnung nach versteckten Kameras ab. Morgens wenn der Polizeioberwachtmeister im Badezimmer den Duschvorhang zur Seite schiebt, schaudert ihn jedes Mal. Was wenn plötzlich Kurt Felix in der Wanne steht und ihm ein Mikrophon entgegenstreckt? Halt, den gibt's ja gar nicht mehr. Wie heißt der jetzt? Egal. Viel schlimmer ist: Was soll man jemandem morgens unter der Dusche auf die Frage antworten: Warum wohnt bei Ihnen eigentlich ein Diktator im Kinderzimmer? Aber es ist kein Spaß und auch kein Double; der Gast ist Saddam Hussein höchstpersönlich. Hier ist es die entwaffnende Logik der Schiermoserin, der der Gatte nichts entgegenzusetzen hat: »Ich werd' doch wohl noch einen Diktator erkennen, wenn ich ihn seh'.«

Kurzum: Die Schiermosers gewähren einem Massenmörder Unterschlupf. Schon nagt und frißt der innerliche Moralist am Schiermoser seiner Seele. Bald ist er mit dem kleinen Mantschkerl in seinem Hinterkopf auf Du und Du. »Du, Alfred«, sagt der Polizeioberwachtmeister dann in Momenten besonders großen Zweifels, »so ein Diktator im Haus, des is fei nix guat's net!« »Du, Schiermoser«, antwortet ihm dann in eben solchen Momenten das Moralinkerlchen, »da hast recht!« Da mag der Herr mit seinem schicken Anzug (die Schiermoserin hat ihn derweil mal in die Reinigung gebracht) noch so pflegeleicht sein. Er ist ein Verbrecher. Aber was tun? Einen Diktator kann man nicht einfach zurückgeben – zumal der Mann von der Regierung noch nicht einmal eine Telefonnummer hinterlassen hat. Soll sich der Schiermoser etwa mit Saddam in den Zug setzen, nach Berlin fahren und zum Kanzleramt gehen: »So, Herr Schröder, hier haben Sie ihn zurück, Ihren Diktator«?

Die Situation wird ungemütlich. Im Haus haben sie den ungewöhnlichen Familienzuwachs bei den Schiermosers auch schon bemerkt. Hält den Polizeioberwachtmeister doch heute, als er von der Arbeit heimkommt, im Stiegenhaus die alte Kretschmaier aus dem vierten Stock an und zetert und schimpft, was das für eine Sauerei sei: Jetzt, wo endlich der Türke aus dem Erdgeschoß ausgezogen sei, da schleppe er den nächsten an. »Warum nicht gleich einen Neger?« Er läßt die Alte stehen, die nimmt eh keiner für voll, aber unangenehm ist's ihm trotzdem. Und auch die Blicke der übrigen Nachbarn fühlen sich neuerdings so anders an. Vor allem die der feschen Blonden, die jetzt in die Wohnung des Türken eingezogen ist und ihn anfangs immer so freundlich angelächelt hat. Selbst der Rauhaardackel der Hubers, so dünkt's dem Schiermoser, schaut ihn täglich schräger an.

Die Au ist ohne Zweifel einer der schönsten Stadtteile Münchens und der Schiermoser ohne Zweifel einer ihrer rechtschaffensten Bewohner. Alfred, das kleine Moralapostelchen, hat es also nicht weiter schwer und breitet sich frohgemut im Schiermoser'schen Hinterkopf aus. Er macht sich's dort richtig gemütlich. Manchmal hat er Freunde zu Besuch und der Schiermoser eine saubere Migräne. Sonntags geht der Polizeioberwachtmeister jetzt sogar in die Kirche – während seine Frau daheim mit Saddam beim Frühstück sitzt. Und so reift langsam, aber umso bestimmter der Entschluß in ihm, das blutige Werk zu verrichten, vor dem sich bislang alle gedrückt haben. Eine Fernsehdokumentation über die Verbrechen Saddams – die Schiermosers sehen sie eines Abends voller Entsetzen, während der Gegenstand der Reportage auf dem Tromsö der Tochter sitzt und Briefmarken sortiert – tut das Übrige. Und langsam findet der Schiermoser sogar Gefallen an der Idee. Einmal, ein einziges Mal, wird er ein Held sein! Er, der Schiermoser von der Au, wird die Erde von einem ihrer gräßlichsten Bewohner befreien. Und überhaupt: Was, bitte, soll es jetzt noch dem Weltfrieden schaden, wenn Saddam tot ist? »Genau«, sagt Alfred und setzt sich auf des Schiermosers breite Schulter. Nein, es gibt nur eine saubere Lösung: Saddam, Deine Zeit ist um! Der Schiermoser ist sehr zufrieden mit sich.

Leise öffnet der Polizeioberwachtmeister die Tür zum Zimmer seiner Tochter. Mit entsicherter Waffe schleicht er gen Hochbett. An dieser Stelle hätte nun der lustige Teil unserer kleinen Geschichte beginnen können: mit spritzendem Blut, einer im Keller versteckten Leiche, und die geschmacklose Kommode von Tante Dorothee hätten wir bestimmt auch noch irgendwo untergebracht. Aber nein, das Bett ist leer. Der Schiermoser schaltet das Licht an: Niemand! Außer Derrick, der mit aufgerissenen Äuglein über seine Tränensäcke hinweg auf den Revolver schaut. Saddam ist weg. Der Schiermoser spürt die Blicke von Derrick, Leonardo DiCaprio und Britney Spears auf sich ruhen. Das war er also, sein großer Auftritt. Selbst den hat ihm dieser dämliche Diktator versaut. Dann halt nicht! Soll sich jetzt doch ein anderer rumschlagen mit dem Saupreißn, dem irakischen. Soll er sich doch von einem anderen erschießen lassen. Als ob er, der Schiermoser, nix besseres zu tun hätte. Gscherter Hund, gscherter! Und während der Schiermoser solchermaßen denkt und wieder zu seiner Annamirl ins Bett steigt, sitzt oben am Monopteros ein Diktator und setzt sich einen Schuß.



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Er wurde um 21.45 Uhr am rechten Ufer der Isar – also quasi mitten in Manhattan – geboren, wußte schon früh, was seine Berufung war, folgte ihr freilich nicht, stieg statt dessen aus [..]

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