.


Zur Druckversion

03.02.11

Michael Meyn

Die kleine Kotze

Zu Wulfgängs Spezialitäten gehört es, immer dann aufzutauchen, wenn es zeitlich unpassend ist. Normalerweise verbringt sie ihre Freizeit dösend im Kleiderschrank. Oder sie begibt sich auf Schatzsuche. Dann schleppt sie alles heran, was nicht festgenagelt ist und versteckt es unter unserem Bett. Giftig wird die Katze, wenn mein Rippchen in regelmäßigen Abständen die Matratze entfernt, um zumindest die wichtigsten Gegenstände zu bergen. Erstaunlich, was da schon alles zum Vorschein kam. Meine Blutdrucktabletten, mehrere Dutzend Feuerzeuge, Schmuck und ein verstört dreinblickender Nachbar sind nur ein paar wenige Beispiele.

Sobald ich mich an meinen PC begebe, lässt Wulfgäng sofort alles stehen und liegen und macht sich neben meiner Kaffeetasse breit. Heute Vormittag verhielt es sich nicht anders. Kaum saß ich, da tauchte sie auch schon auf.

»Whatcha doin'?«, fragte sie, nachdem sie erst auf meinen Schoß und dann auf den Schreibtisch gesprungen war. Entspannt ließ sie sich nieder und schlug die Vorderpfoten übereinander. Irritiert beobachtete ich, wie ein paar Katzenhaare in meinem Kaffee landeten.

»Ich schreibe eine neue Kurzgeschichte«, antwortete ich.

»Sounds almost interesting. I think I'm ready for some good petting now.«

»Wie kommt es, dass du immer dann von mir gekrault werden willst, wenn ich mich auf etwas Anderes konzentrieren möchte?«

Tatsächlich war es so, dass sich Wulfgäng nicht gerne anfassen ließ. Kam man auch nur näher als zwei Meter an sie heran, huschte sie davon. Eine Schmusekatze war Wulfgäng wahrlich nicht.

»I'm not a lovey-dovey kind of person. Well, most times. But today you may pet me.«

»Ich habe jetzt keine Zeit für dich. Du störst.«

»Chill out! Go ahead and write your stupid story.«

»Danke!«

»Can I watch?«

»Ist das nicht langweilig?«

»Sure, but there's nothing else to do.«

»Versprichst du mir, mich nicht zu nerven?«

»You know very well that I can't promise that.«

»Das hätte mich auch gewundert. Warum gehst du nicht ein paar Kakerlaken jagen?«

»Killed them all. They don't come around here anymore.«

Da hatte sie recht. Seit wir eine Katze im Haus hatten, machte jegliches Ungeziefer einen großen Bogen um uns. Wulfgäng bereitete es nämlich enormes Vergnügen, mit Schaben, Käfern und Spinnen solange zu »spielen«, bis sie tot auf dem Rücken lagen. Dann wachte sie noch mindestens zwei Stunden vor den Leichen, nur um sicher zu gehen, dass sich nichts mehr regte.

»So what's the story about?«, fragte Wulfgäng mit einem Hauch Interesse in ihrer schnurrenden Stimme.

»Ich weiß noch nicht.«

»Then why are you sitting here?«

»Ich hoffe auf Inspiriation.«

»I can help. I'm good at that.«

»Glaube mir, es ist besser für uns alle, wenn du dich ganz still verhältst.«

»I'm not kidding, fat man. I can inspire dead people!«

»Ruhe!«

Die Minuten verstrichen, ohne dass mir auch nur der Funke einer Idee zuflog. Mit dem Problem der berüchtigten Schreibblockade war ich vertraut. Ja, es gibt sie wirklich. Und ich weiß, dass ihre Existenz nur einen einzigen Zweck hat: den Schreiberling zu nötigen, über sie zu schreiben. Mir würde das jedoch nicht passieren, schwor ich mir. In keiner meiner Kurzgeschichten sollte jemals das Wort Schreibblockade auftauchen! Ich würde mich zur Inspiration zwingen. Ein Bäcker hängt sonntags auch kein Schild mit der Nachricht ›War heute nicht inspiriert. Brötchen gibt's erst morgen wieder!‹ an sein Ladenfenster.

»You should write about Urlaubswurst.«

»Urlaubswurst? Was ist das?«

»You are German and you don't know Urlaubswurst?« Wulfgäng sah mich ungläubig an.

»Ich kenne mich mit Wurstsorten nicht gut aus, aber ich bin mir fast sicher, dass die Urlaubswurst nicht deutschen Ursprungs ist.«

»Everybody knows that people on Planet Germany eat Urlaubswurst.«

»Deutschland ist kein Planet.«

»Are you sure you're German?«

»Ruhe!«

Hier saß ich, wartete auf einen halbwegs akzeptablen Einfall für eine neue Kurzgeschichte, die ich wahrscheinlich nie schreiben würde, weil ich Wulfgäng an meiner Seite kleben hatte. Welch furchtbare Tragik, ungefähr vergleichbar mit einem Mann, der mühselig für seinen Lebensabend spart, jahrzehntelang schwer und fleißig arbeitet, jeden Monat etwas mehr Geld aufs Sparbuch bringt, sich vor Vorfreude kaum noch im Zaum halten kann, je näher er seinem Ziel kommt, ja, das Paradies auf Erden quasi riechen kann und dann am Ende Wulfgäng an seiner Seite kleben hat.

»I bet you're Dutch. That's why you eat so much cheese. But the Dutch people make excellent vakantie worst.«

»Kenne ich nicht.«

»Urlaubswurst, you monkey!«

Ich verkniff mir eine patzige Antwort, weil sich mein Rippchen näherte. Diskussionen mit unserer Katze waren für sie nichts weiter als wirre Selbstgespräche meinerseits, die ich – da mir sehr an einem harmonischen Eheleben gelegen war – besser unterließ. Geisteskranke Ehemänner wirken unsexy.

»Wenn du nicht schreibst, könntest du eben schnell den Staubsauger reparieren.«

»Woher willst du wissen, ob ich schreibe oder nicht?«, fragte ich erstaunt.

»Ich höre dich nicht. Hättest du etwas geschrieben, würdest du ununterbrochen lachen und mich zwingen, gleiches zu tun. Stattdessen sitzt du da mit einem bescheuerten Gesichtsausdruck.«

»Bescheuerter Gesichtsausdruck?« Manchmal war mein Rippchen unverschämt.

»Na, schau dich doch an. Du runzelst die Stirn, machst den kleinen Mund ganz schmal und blinzelst, als würdest du durch dichten Nebel blicken wollen. Sehr bescheuert!«

Gekränkt glättete ich die Falten auf meiner Stirn und zog einen Schmollmund. »Mir wird schon etwas einfallen.«

»Heute garantiert nicht mehr. Eher lernt die Katze, Deutsch zu sprechen.«

Wulfgäng nickte heftig: »Yes! Ich bin eine kleine Kotze!«

Das kann sie schon fast perfekt, dachte ich still und entschied mich, die Unterhaltung schnellstmöglich zu beenden, damit ich mich wieder mit dem dichten Nebel befassen konnte.

»Den Staubsauger nehme ich mir gleich vor. Wirst sehen, heute Nachmittag funktioniert er wieder.«

»Danke! Ich gehe einkaufen. Bin gleich wieder da.« Mit Schlüssel und Handtasche bewaffnet machte sie sich auf den Weg.

»Ok, Schnuckie«, rief ich ihr hinterher. »Bring Urlaubswurst mit!«



Wie finden Sie die Kolumne » Die kleine Kotze «?

Ihre Bewertung: wahnsinnig gut
sehr gut
gut
nicht gut




Dieses Feld bitte nicht ausfüllen:

Ihr Kommentar wird an Michael Meyn und den Herausgeber von kolumnen.de geschickt. Nutzen Sie dies Formular nicht für vertrauliche Informationen an unsere Autoren. Mit Nutzung dieses Formulars stimmen Sie einer etwaigen Veröffentlichung Ihrer Zuschriften (auch auszugweise) auf kolumnen.de, in unserem Newsletter oder auf unserer Facebookseite zu.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Michael Meyn.

Foto: Michael Meyn

Michael Meyn

Geboren wurde er irgendwo in Oberhausen, und zwar am 11.11.1968. Berichten seiner Mutter zufolge begann Michael im zarten Alter von drei Jahren, die Tapeten seines Kinderzimmers mit Fäkalien zu [..]

Ausgewählte Kolumnen von Michael Meyn

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Michael Meyn