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15.04.08

Stefan Schrahe

Das Frühlings-Schnäppchen

Sehnsüchtig sitze ich am Fenster und schaue auf nasse Autos, nasse Bäume und nassen Asphalt. Der graue Himmel verheißt keine Wetterbesserung. Dabei hatte der Wetterbericht Hoffnungen geweckt und von steigenden Temperaturen und sonnigen Abschnitten gesprochen.

Meine Stimmung passt zu den trüben Aussichten. Und ich verspüre wenig Lust, die Wohnung zu verlassen. Obwohl mir einzig solche Tage - mit nasskalter Witterung und Pfützen in den Grünanlagen – noch Gelegenheit geben, etwas frische Luft zu schnappen. An warmen, hellen Frühlingstagen kann ich mir das nicht mehr leisten. Nicht, seit ich das Geheimnis enträtselt habe. Seitdem ich weiß, dass es wirkliche Schnäppchen bei Ebay nur an Sonntagnachmittagen mit blauem Himmel gibt.

Ich war immer ein Ebay-Versager. Habe es in den zehn Jahren meiner Mitgliedschaft oft erlebt, dass ich tagelang den Gebotsstand der Duomatic-Scheibenwischer für mein Auto, der Druckerpatronen oder dieses supergünstigen MP3-Players verfolgt habe. Und mich zwar pünktlich zehn Minuten vor Ablauf der Versteigerung eingeloggt habe um den Status zu aktualisieren. Dann aber sieben Minuten vor Ablauf doch noch mal eben das Email-Postfach aufrufen wollte. Um schließlich irgendwie bei irgendwelchen Newslettern von Jobvermittlern, Sonderangeboten von Telefonprovidern oder Ferienwohnungsvermittlern an der ligurischen Küste hängen zu bleiben und am Ende zu merken, dass sieben Minuten für ein frisch gezapftes Pils in der Regel langsam vergehen – beim Ablauf einer Ebay-Versteigerung aber maximal gefühlten drei Minuten entsprechen. Wenn ich dann laut »Scheiße« schreie, weiß jeder im Haus, was los ist.

Ich hatte auch die umgekehrten Fälle. Wo ich mit dem festen Vorsatz, erst in letzter Sekunde auf die Winterreifen mit 7 Millimeter Profil auf 16 Zoll-Alufelgen zu bieten, angetreten war. Und es dann 30 Sekunden vor Schluss einfach nicht mehr ausgehalten habe und aus der Deckung trat. Zunächst auch den Glückwunsch entgegennehmen durfte, Höchstbietender zu sein. Auf dem Bildschirm aber mit einer quälend langen Restzeit von 23 Sekunden konfrontiert zu werden, in der – wie ich häufig feststellen musste – alles, aber auch wirklich alles passieren kann. Ganze Wertmaßstäbe verschoben sich innerhalb weniger Sekunden und ließen mich mit dem Gefühl zurück, zu den Verlierern dieses Zeitalters zu gehören. Wie Schalke damals, als die Bayern in der letzten Sekunde der Nachspielzeit...

Ich konnte sie nicht mehr hören. Die Sprüche von Freunden und Kollegen. »Habe ich günstig bei Ebay ersteigert«, oder: »Du glaubst nicht, was ich dafür bezahlt habe...« Statt »drei, zwei, eins – meins« hieß es bei mir immer nur »eins, zwei, drei – vorbei«.

Die einzigen Erfolgserlebnisse konnte ich mir mit Akku-Ladegeräten und Digitalkameras verschaffen, die als »Sofort-Käufe« angeboten wurden. Nur, dass ich mir dabei vorkam, als hätte ich meine Bedürfnisse auf dem Straßenstrich befriedigt.

Und noch etwas hatte ich bemerkt. Völlig identische Artikel mit deckungsgleichen Beschreibungen gingen bisweilen zu höchst unterschiedlichen Preisen über die virtuelle Ladentheke. Die einzige Systematik, die ich zunächst darin erkennen konnte, war die, dass bei Auktionen, die ich verpasst hatte, stets niedrigere Preise herauskamen als bei den Auktionen, wo ich noch im Rennen lag.

Hinter des Rätsels Lösung kam ich an einem sonnigen Frühlingssonntag, an dem mich ein Bronchialvirus vorübergehend außer Gefecht gesetzt hatte. Einen Wollschal um den Hals, hatte ich den Rechner auf der Bettdecke platziert und wollte auf die Schubstange für den Bobbycar meines Jüngsten bieten. Nun gut – zwei Minuten vor Ablauf der Auktion kam mir der Anruf eines Freundes in die Quere und nach dem Auflegen musste ich entsetzt feststellen, dass die Stange für einen geradezu unverschämt niedrigen Preis weggegangen war. Fast war ich sogar versucht, Verkäufer oder Käufer anzumailen, um einen deutlich höheren Preis zu bieten. Schließlich war es nicht meine Schuld, dass dieser Anruf dazwischen kam.

Aber drei Stunden später – es dämmerte bereits – stellte ich fest, dass die Preise für Bobbycar-Schubstangen plötzlich deutlich in die Höhe gingen. Und schon dämmerte es mir: Natürlich! Während ganz Deutschland die warmen Sonnenstrahlen genossen hatte, gingen bei Ebay die Super-Schnäppchen weg. Und jetzt waren all die Schnäppchenjäger wieder zu Hause – zurück von ihren Flohmärkten oder verkaufsoffenen Sonntagen –, saßen vorm Bildschirm und trieben die Preise hoch.

Seitdem kann es gar nicht schön und heiß genug sein. Während sich die Biker auf den Landstraßen tummeln, ziehe ich mir die ungetragene Lederhose mit Protektoren für fünf Euro. Und den gepflegten Kindersitz fürs Fahrrad schnappe ich mir für sechs Euro, während Millionen nichts ahnender Familienväter draußen ihrem Nachwuchs beim Spielen im Sandkasten zuschauen.

Deswegen warte ich jetzt darauf, dass die Wolken den Himmel freigeben und die Sonne den Rest des Landes nach draußen treibt, um mir Ebay zur Plünderung zu überlassen. Wenn das passiert, kann ich auch verschmerzen, dass mir beim Schreiben dieses Textes die Armani-Sonnenbrille für zehn Euro durch die Lappen gegangen ist. Brauche ich sowieso nicht!



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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