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15.10.06

Wilhelm Ruprecht Frieling

Klingonen auf Klassenfahrt
(Briefe aus Palma, V)

Verehrt die käsebleiche Mondgöttin und küsst dem dreischwänzigen Sternenkind die Füße! Entzündet Kerzen, opfert Räucherwerk! Streut Blumen, leckt Staub, stürzt Euch in wilde Kakteen, dann wird Euer Flehen vielleicht erhört, und die Schicksalshüter schicken auch Euch Weltenbürger einmal nach »Malle«!

Bis zu 150.000 Reisende aus den unendlichen Tiefen des Universums spuckt der Flughafen Sant Joan in Palma de Mallorca in Spitzenzeiten täglich aus seinem asphaltgrauen Maul. Selbst aus weit entfernten Regionen der Galaxis kommen Urlauber, die das malerische Eiland zum Ausflugziel Nummer Eins zwischen Milchstrasse und Andromedanebel erkoren haben. Millionen Sonnenanbeter fallen wie hungrige Heuschrecken über die Insel her. Auf dem Airport prallen ihre gegensätzlichen Kulturen, Temperamente und Charaktere Funken sprühend aufeinander. Sant Joan wird zur Bühne einer faszinierenden und einzigartigen Inszenierung. Auf dem Weltraumbahnhof wird das Vorspiel einer großen Oper gegeben, die Unterhaltung erster Güte garantiert.

Vom siebten Mond des Frauenplaneten Luna treffen gerade die Damen Rindfleisch, Krauthuhn und Bierwagen ein. Mit weiteren Gefährtinnen stehen sie dicht gedrängt an der Gepäckausgabe des Sternenflughafens von Palma de Mallorca und warten. Über ihnen liegt das schwere Aroma indischer Fruchtbarkeitsgöttinnen, es duftet süßlich nach Opium und Moschus. Zu ihrer Begrüßung spielt im Hintergrund ein stummer Bandoneonkönig leidenschaftlich Tango, und ein dunkelhäutiger Waisenknabe zuckt im Takt.

Die wehrhaften Amazonen spielen Volleyball im Verein und wollen mit dem gemeinsamen Ausflug ihre Gemeinschaft sowie ihr Moppel-Ich stärken, Sonne tanken und möglichst ohne Aufwand ein paar Pfunde abnehmen. Die Mondfrauen schultern beeindruckende Überlebensrucksäcke und tragen dunkelblaue schlabberige T-Shirts mit dem pogrammatischen Aufdruck »Jede Frau ist eine Diva«. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl und verleiht der Gruppe geballte Frauenpower.

Die Diven sind von fruchtiger Figur und prächtig gelaunt. Später treffen wir sie im Spezialgeschäft für »tallas grandes«, den Übergrößen, wieder. Ist der Einkaufsbummel durch die Boutiquen und Shops der Stadt beendet, lagern die Wuchtbrummen für den Rest ihres Aufenthalts in wallenden Tüchern am Strand. Leidenschaftlich gern waten sie zum Ballspiel ins kühlende Nass, denn Wasser bietet Auftrieb und verleiht dem Körper jene luftige Leichtigkeit, die ihnen auf ihrem Trabanten fehlt. Doch ihre wahre Leidenschaft bricht stets bei Vollmond los: dann versammeln sie sich am Strand zum vereinten Trommeln. Sie tanzen sich dabei derart vehement das Hüftgold vom Leib, dass selbst der bocksbeinige Teufel hinter den Wolken Deckung sucht.

Am gegenüber liegenden Transportband lauern Wattehund, Spion, Pfefferkuchen und weitere Gesellen aus dem Kegelnebel »Alle Neune« auf die Öffnung der Gepäckluke. Die Männercombo ist nach Mallorca gereist, um den Frust ihres aschegrauen Arbeitslosenalltags zu ertränken. Auch sie haben sich zum Anlass der gemeinsamen Reise ein einheitliches T-Shirt übergestreift, das über ihren Schwimmringen spannt. »Wir geben uns die Kante« steht dort unter dem Symbol einer Brauerei, die mit den Hemden auch auf anderen Planeten für ihre hochprozentigen Produkte werben will. In Vorbereitung ihres Ausflugs auf die Sonneninsel haben die korpulenten Kollegen in kollektivem Bemühen bereits ein heimisches Wort gelernt, das den Erfolg der kommenden vierzehn Urlaubstage garantieren soll: »cerveza – Bier«!

Gierig starren die Kumpane auf einen appetitlichen Streifen Bauchfleisch, der an ihnen vorüber gleitet. Schokoladenbraun und viel versprechend geschmückt lugt es zwischen einem knappen, gold bestickten T-Shirt und der sich an die Hüftknochen ihres Knackarsches klammernden Blue Jeans einer strohblonden Schönheit. Eine der viel gepriesenen Priesterinnen vom Glitzerstern Synthetica mit Mega-Busen, Barbienase und aufgespritzten Schlauchbootlippen hat ihr »Komm, nimm mich«-Fähnchen gehisst. Sie zwitschert in ihr Handy, verkündet ihrem Fanclub ihre Ankunft und schreitet über den Laufsteg. Den Kegelbrüdern rutschen die Augen aus dem Gehäuse. Manche Hand tastet nach einer Stelle, die von ordentlichen Müttern im Allgemeinen unter Wachschutz gestellt wird. Andere suchen ein Taschentuch, um sich trotz der funktionierenden Klimaanlage der Abfertigungshalle die Stirn zu trocknen. Auf Mallorca herrscht eine Bullenhitze, und es liegt Gorillatestosteron in der Luft!

Hörbar einem Volk gepflegter Bässe und Tenöre entsprossen, fallen nun Klassenverbände vom Planeten Kronos durch vielstimmigen Gesang auf. Klingonen reisen an! »Wir trinken alles, aber lecker muss es sein. / Einer geht noch, einer geht noch rein!«, lautet ihre Hymne. Mit dieser eindrucksvollen Fanfare blasen die Saufjacken zum Angriff auf die Gepäckausgabe und lassen sogar die Männerriege aus dem blau-weißen Kegelnebel aufmerken. Die Menschenähnlichkeit der Klingonen ist frappant, aber Fans von »Raumschiff Enterprise« und »Star-Trek« wissen aus der seit vierzig Jahren als Kult gefeierten Science-Fiction-Serie, dass die Außerirdischen ihr wahres Aussehen verbergen, um sich freier unter den Menschen bewegen zu können. Klingonen besitzen mehrere Lungen, Mägen und zwei Lebern, und die meisten Körperfunktionen werden mehrfach abgedeckt. Deshalb können sie ausgezeichnet saufen und sind unglaublich widerstandsfähig.

Schon stimmen die Abgesandten des Kronos ein neues Lied an, das die Mädels vom Mondwinkel aufmerken lässt: »Das Schönste für uns Männer auf der ganzen Welt bleiben Frauen: Ob dick, ob dünn, ob Fachverkäuferin, / ob leise ob laut: alle total versaut! / Ob groß, ob klein, ob Volleyballverein, / original oder umgebaut: alle total versaut!«

Die verdurstenden Kühe mit Runentätowierung und Ziegenbart aus den ländlichen Regionen des Kronos sehen sich bereits als heimliche Sieger des »Mr.-Wet-T-Shirt«-Wettbewerbs. Auf ihren Hemdfetzen prangen Sprüche wie »Die Intelligenz kommt später«. Picklige Bubis mit »Jägermeister«-Filzhüten, bronzene Sonnenstudiosi mit Goldkettchen und aalglatte Vertretertypen mit lackiertem Haar eint die Sehnsucht nach Suff, Sex und Spaß. Auf Abruf kichern daneben Mädchen in vergnügungssüchtig ausgeschnittenen Tops, die in bunte Handys atmen. Vorn tragen sie bauchfrei und rückwärts zeigen sie die steil bergab ragenden Enden einer tiefgründigen Tätowierung: das viel geschmähte Arschgeweih.

Klingonen saufen, bis der Arzt kommt. Sangria heißt ihr Lieblingsgetränk. Die spanische Nationalbrause, die wegen der negativen Presse nicht mehr in Plastikeimern ausgeschenkt werden darf, besteht aus Wein, Fruchtsaft und Zucker und steigt unaufhaltsam in den Körperteil, in dem das Gehirn bescheiden zur Untermiete wohnt. Unter der sengenden Sonne Spaniens garantiert die Brühe jedem einen Vollrausch. Die damit verbundene Ekstase vermittelt endlose Freiheit und gilt als Dosenöffner der Klingoninnen, die ebenfalls ihre letzten Hemmungen samt Slip abstreifen.

Betet zu einer Baumgottheit Eurer Wahl! – Mögen noch viele Klassenverbände aus Raum und Zeit mit einer intergalaktischen Fluglinie einkehren auf der ehemaligen Putzfraueninsel, die zum Mekka reicher und schöner Außerirdischer mutiert.

Mit ungerührten Mienen schieben zwischen den anderen Reisenden aus den verschiedensten bewohnten Gebieten des Alls rüstige Unterhundertjährige vom Planetensystem »55+« in mehlgrauen Freizeitjacken, karierten Hemden und sandgelben Sandalen monströse Kofferkulis dicht an das Förderband. Die Reisenden aus den grauen Grenzschatten der Sternenwelt unterhalten einen Zweitwohnsitz auf der Insel und erwarten Unmengen Gepäck, Ausrüstungsgegenstände für ihre Finca oder die Ferienwohnung am Meer. Vom stundenlangen Sitzen im engen Fluggerät eingeengt, befreien sich die residierenden Uhus von drückenden Winden auf die einzige Art und Weise, in der ihnen dies öffentlich möglich scheint: im brummigen Blähbariton.

Angehörige Muttis überwachen das Geschehen mit Habichtsblick und Schnabelnase und prüfen abschätzend die einfallenden Horden aus anderen Teilen der Galaxis. Reich behängt mit schimmernden Perlenketten, goldenen Ohrclips und glitzernden Armbändern, vermutet ihr welkes Fleisch in jedem Mitreisenden einen potentiellen Taschendieb und hält die Hand kampfbereit am Pfefferspray. Ab und zu picken sie mit ihrem Schnabel in die eine oder andere Richtung, um ihren Begleitern Anweisungen zu geben. Trübselig lugen derweil zitternde Nackthunde aus cremefarbenen Tragetaschen und ersehnen wieder festen Boden unter den Läufen. Mitunter befindet sich auch noch die komatöse Conny vom Pflegemond Caritas in der Rolle der nörgelnden Schwiegermutter im Schlepptau.

Dazwischen wuseln krakeelende Kinder und bebrillte bleiche Mütter in Häkeltop und Glockenrock. Sie entstammen den fruchtbarsten Teilen des Universums, dem Kindersternsystem. Blasse Väter mit Schirmmützen, Bauchtaschen und Camcordern versuchen, als Pilotfische ihren bunten Schwarm beieinander zu halten und gleichzeitig die richtigen Kinderwagen, Taschen, Koffer und Dienstroboter vom Band zu stemmen. Sie wirken angestrengt und sind noch weit entfernt von entspannter Urlaubslaune, die sie erhoffen.

Haben die Reisenden ihr Gepäck vollständig eingesammelt, trennen sich ihre Wege. Die Mondfrauen besteigen lila und violett bemalte Autobusse, die sie ans Ziel ihrer Wünsche bringen. Die Kegelnebler werden von einer rassigen Stewardess gesucht: sie hält ein Transparent mit ihrem Vereinsnamen in die Höhe und winkt einladend. Die Prinzessin aus Synthetica schmilzt in ein schwarz blitzendes Cabriolet, das von einer spiegelnden Sonnenbrille gelenkt wird. Die Klingonen entern die in Reih und Glied wartenden Busse der Pauschalveranstalter. Die Großfamilien vom Kinderstern beladen sorgfältig voluminöse Mietwagen. Die Residenten aus dem Reich des knittrigen Uhus sind meist so schnell verschwunden, als könnten sie sich in den mallorquinischen Lüften auflösen und mit dem Wind davon eilen …

Erst beim Rückflug treffen die Urlauber auf dem Weltraumbahnhof Sant Joan wieder aufeinander. Dort besteigen sie ihre stählernen Zigarren, blinkenden Gleiter und fliegenden Schiffe, um wieder in die Tiefen der Galaxis zu tauchen und in heimische Gefilde zu fliegen.

Opfert dem Gott des Eilands eine Ziege! – Dann gibt es bis zum Auseinanderkrachen der Erde täglich ein neues Spektakel beim Eintreffen der verschiedenen Völkerschaften am Flughafen von Palma de Mallorca. – Feuert Kometen ab! Streut Sternschnuppen! Lasst die Planeten knirschen! Setzt die Sonne unter Strom! Diese Show muss weitergehen: Malle für alle!

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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