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23.05.08

Raymund Krauleidis

Business as usual:
Jobrotation

»Ja spreche ich denn Suaheli?«, fragt mich Chef mit hochrotem Kopf. »Keine Ahnung – Sie müssten eigentlich über Ihre Fremdsprachenkenntnisse besser im Bilde sein«, gebe ich zu bedenken. In Zeiten schmelzender Polkappen, verarmender Rentner im Osten und einer immer größer werdenden Terrorgefahr finde ich es etwas kleinlich von ihm, sich über – seiner Meinung nach – falsche Zahlen aufzuregen.

»Die Zahlen stimmen schon«, insistiere ich energisch. »Um etwas Abwechslung in Ihren schnöden Arbeitsalltag hineinzubringen, habe ich lediglich römische statt arabischer Zahlen verwendet. Sieht doch gleich viel netter aus und das Ergebnis der Abteilung wirkt auch nicht ganz so schlecht wie es in Wirklichkeit ist ...«

Wenige Minuten später war mir plötzlich schlecht. Er hätte, so verkündete mir Chef, meine Eskapaden langsam satt und sich bereits vorab in der Personalabteilung über betriebsinterne Möglichkeiten der Jobrotation informiert. Da es bereits mehrere interessierte Mitarbeiter gäbe, würde mein Job ab morgen von einem dieser Kollegen übernommen. Ich hingegen würde für unbestimmte Zeit dessen Aufgabengebiet bearbeiten. Hämisch zwinkert er mir zu, als ich gerade im Begriff bin, sein Büro zu verlassen: »Dann mal viel Spaß in der Poststelle...«

So sitze ich am nächsten Morgen auf dem Platz, an dem noch am Vortag Kollege Kugelbaum artig die Hauspost sortierte und schaue mich irritiert um. Der Schreibtisch sieht aus wie geleckt – wer soll denn bei so viel Ordnung vernünftig arbeiten können? Folglich reiße ich einige Kuverts aus den akkurat befüllten Ablagekörbchen, verteile sie frei jeglicher Logik wirr auf der Tischoberfläche und stürze mich zufrieden in die Arbeit. Als ich gerade dabei bin, mir wahllos eines der vielen Kuverts auf dem Schreibtisch genauer anzuschauen, klingelt plötzlich das Telefon.

»Nein, hier ist nicht Schatzi«, versuche ich Frau Kugelbaum den Irrtum zu erklären. Scheinbar wurden die Telefone doch noch nicht umgestellt. »Ihr Mann«, fahre ich fort und seufze theatralisch, »... es ist so eine traurige Geschichte. Dass er ausgerechnet mit Frau Nietnagel durchbrennen musste versteht von uns auch keiner so richtig. Wenigstens hat er ja noch vom Flughafen aus angerufen und mitgeteilt, dass er nicht mehr kommen wird ...«

Irgendwie bekomme ich während ihres von Vulgärvokabular gespickten Wutanfalls ein schlechtes Gewissen. Andererseits wird man doch wohl hin und wieder einen Spaß machen dürfen ... »Tut mir echt Leid, das mit Ihrem Mann«, flöte ich in den Hörer und lege schnell auf – schließlich habe ich ja auch weitaus wichtigere Sachen zu tun als wütende Ehefrauen zu besänftigen.

Als Erstes öffnete ich die Hauspostumschläge mit dem Vermerk »VERTRAULICH!«. Im ersten befindet sich auch gleich eine handschriftliche Nachricht des Vorstandsvorsitzenden an seinen Kollegen aus dem Finanzressort. Er teilt ihm hierin mit, dass sein Zugeständnis, es würde die nächsten fünf Jahre keine betriebsbedingten Kündigungen geben natürlich nicht ernst zu nehmen sei. Ich steckte die Notiz zurück in den Umschlag und adressiere diesen neu: »An: Herrn Mayer – Betriebsratsvorsitzender«. Der Job ist eigentlich gar nicht so übel, denke ich und öffne eifrig die nächsten Umschläge. Der Vorstand Finanzen erhält statt der Nachricht des Vorstandsvorsitzenden einen Buchungsbeleg über Büromaterial in Höhe von 20,93 Euro netto, der eigentlich an Schmoltke adressiert ist. Schmoltke hingegen schicke ich seine gesammelte Hauspost-Korrespondenz mit dem erklärenden Hinweis: »Nicht ausreichend frankiert – ab heute auch Portopflicht für Hauspost!« wieder zurück.

Als ich mich gerade zu den Gehaltserhöhungsschreiben der Personalabteilung durchgearbeitet habe, klingelt erneut das Telefon. »Ich hätte da mal eine Frage«, meldet sich Kollege Kugelbaum. »Dann schießen Sie mal los«. »Was machten Sie bislang eigentlich so den ganzen Tag?«, möchte Kugelbaum wissen. Ich halte die Muschel so nah wie möglich an den Mund und flüstere mit geheimnisvoller Stimme: »Das ist Top Secret. Und zwar so Top Secret, dass ich nicht darüber sprechen darf!«. Nachdem ich aufgelegt habe, fällt mir plötzlich ein, dass ich ganz vergessen hatte, ihm vom Anruf seiner Gattin zu berichten. Na ja, das Privatleben meiner Kollegen geht mich ja eigentlich auch nichts an ...

Die Gehaltserhöhungsschreiben entferne ich danach aus ihren jeweiligen Umschlägen und mische sie kräftig durch. Danach kuvertiere ich sie nach dem Zufallsprinzip erneut ein und schaue auf die Uhr: Feierabend. Erstaunlich, wie schnell so ein Arbeitstag vorübergeht, wenn man etwas wirklich Verantwortungsvolles zu tun hat!

Im Aufzug treffe ich auf Schmoltke. »Normalerweise geh ich ja nicht so früh«, beginnt der schmächtige Buchhalter den typischen Fahrstuhl-Smalltalk, »aber ich muss noch Briefmarken kaufen ...« Ich grinse, wünsche ihm noch schöne Einkäufe und entschwinde mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht in die wohlverdiente Abendruhe.

Am nächsten Morgen, ich sichte gerade die frisch eingetroffenen Bewerbungsmappen, reißt mich der schrille Klang des klingelnden Telefons einmal mehr aus meiner Konzentration. Wenn das so weitergeht, ist mein erster Herzinfarkt nur noch eine Frage der Zeit, denke ich und nehme das Gespräch entsprechend genervt entgegen. »Kommen Sie sofort wieder zurück!«, brüllt Chef in den Hörer. »Was?«, stammle ich geschockt. »Ja spreche ich denn Suaheli? Sie sind ab heute wieder in Ihrem alten Job! Herr Kugelbaum ließ soeben verlauten, er kümmere sich nach Rücksprache mit seiner Gattin fortan eher um die häuslichen Gegebenheiten, während Frau Kugelbaum an seiner statt das monetäre Fortbestehen der Familie sicherstellen wolle«.

»Wo ich Sie gerade sehe«, tönt Chef in meine Richtung, als ich wenige Minuten später widerwillig an meinen alteingesessenen Platz zurückkehre. »Können Sie sich vielleicht erklären, wer mir per Hauspost eine Einladung zum Seminar ›Personalführung für Anfänger‹ schicken könnte?« Ich grinse und denke voller Wehmut an den gestrigen Tag zurück. Endlich hatte ich – auch wenn es nur für ein paar Stunden war – einmal das Gefühl, so richtig gebraucht zu werden ...

  1. Ich und der Vorstand
  2. Jobrotation
  3. Schmoltke in der Krise
  4. Das Weihnachtswunder
  5. Schweinegrippe-Party
  6. Doktorspielchen
  7. Falsch verbunden | Misconnected
  8. Jahresrückblick 2009

Wo sind die vielen anderen Kolumnen der wahnsinnigen Büroreihe »Business as usual« von Raymund Krauleidis hin?
Die können Sie seit Ende 2009 als Büroroman »Schmoltke & Ich« lesen!

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Foto: Raymund Krauleidis

Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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