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06.07.11

Magdi Aboul-Kheir

Staubsaugerbeutel für den freien Willen

Ich suche nach einem lustigen Stoff für eine Glosse. Da mir nichts einfällt, lasse ich Google nach Glossenstoff fahnden. »Meinten Sie Klassenstoff?«, fragt mich Google. Nein, ich meine Glossenstoff.

Im Word-Programm öffne ich ein Dokument, um mir Notizen für eine Glosse zu machen. »Anscheinend wollen Sie einen Brief schreiben«, springt mich der Computer an. Nein, ich will eine Glosse schreiben.

Wahrscheinlich weiß mein Computer jetzt, über was ich schreiben will: über elektronische Bevormundung. Wer mit dem Auto, der schönen Aussicht halber, einen Umweg fahren mag, wird von seinem Navigationssystem an jeder Kreuzung mit dem offenbar umstürzlerischen Geist seines Anliegens konfrontiert. Wer seinen Wecker fünf Minuten trickreich vorstellen will, um nicht zu spät aufzustehen, wird von der Funkuhr-Automatik tickend eines Besseren belehrt. Und Geräte mit Abschaltautomatik schalten sich ab, egal, welche Knöpfe man drückt. Dabei heißt es ständig: »Sie wollen ...«, »Anscheinend wollen Sie ...«, »Wollen Sie nicht lieber ...?«

Nein, ich will nicht lieber. Ich will das dürfen wollen, was ich will. Philosophen sprechen von negativer Freiheit, aber Nietzsche wusste es schon am besten: »Ich lache eures freien Willens und auch eures unfreien: Wahn ist mir das, was ihr Willen heißt, es gibt keinen Willen.« Und Nietzsche hatte noch nicht einmal eine Heizdecke mit Abschaltautomatik.

Ich weiß, dass es alle nur gut mit mir meinen. Die Assistenzsysteme, die von der Automobilindustrie entwickelt werden, erhöhen die Verkehrssicherheit: Navi-System, Spurhalter, Totwinkelwarnung, Verkehrszeichenerkennung. An automatischen Ausweichmechanismen und an einem Wutsensor wird bereits gearbeitet. Aber was ist, wenn ich meinem Parkplatznachbar voller Absicht eine kleine Delle verpassen will, weil er ein Blödmann ist? Dann meldet sich natürlich keinen hilfreicher Assistent: »Anscheinend wollen Sie dem weißen Hyundai einen Blechschaden verpassen ...« Stattdessen piept meine Einparkhilfe hysterisch, und was ein Wutsensor treiben würde, stell ich mir lieber nicht vor. Und von den Philosphen ist auch keine Hilfe zu erwarten. »Der Mensch kann tun was er will; er kann aber nicht wollen, was er will.« Von wegen, Herr Schopenhauer.

Um mich abzulenken, mag ich fernsehen. Aber in unserer Wohnanlage wurde der TV-Empfang von Satellitenschüssel auf Kabel umgestellt, und ich finde keinen brauchbaren Sender mehr. Ja, ich bin ein Spießer: Ich will das Dritte als Drittes haben, und Arte soll auf der Acht sein, weil es so ähnlich klingt. Aber jetzt finde ich weder das Dritte noch Arte, sondern habe den Kanal voll, nämlich mit sieben Verkaufssendern. Neulich habe ich eineinhalb Stunden Werbung für Staubsaugerbeutel angesehen, weil ich das für einen Arte-Themenabend gehalten habe.

Um gegängelt zu werden, brauche ich doch keine Elektronik! Für die Bevormundung hat man zuerst die Eltern, dann kommen die Lehrer, schließlich Partner, Kinder und der Chef. Wobei sich da einiges verändert hat: Als Kind durfte ich im Fernsehen nicht »Wickie« schauen, weil Fußball lief; heute als Vater darf ich nicht Fußball schauen, weil »Wickie« läuft. Jetzt kann man natürlich sagen, ich solle mir einen zweiten Fernseher anschaffen, aber was soll ich damit, wenn auf allen anderen Sendern Staubsaugerbeutel verkauft werden?

Ich wollte doch nur eine Glosse schreiben. Die Rechtschreibprüfung legt mir jetzt nahe, »Glosse« durch »Glotze« zu ersetzen. Liebe Leserin, lieber Leser, ich gebe den Widerstand auf. Ich hoffe, Sie finden die Glotze witzig.



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Magdi Aboul-Kheir

Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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