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23.12.05

Magdi Aboul-Kheir

Großes Bindenbrussen-Finale: Gefühlte Eier mit Blödklößen und Lachsoße

»Nein, meine Suppe ess' ich nicht!«, schrie einst der Kaspar. Seine schreckliche Geschichte muss bis zum heutigen Tage holzhammerpädagogisch dazu herhalten, Kindern Nahrungsmittel in den Schlund zu treiben. Dabei wissen wir gar nicht, ob dem armen Kaspar wirklich nur ein harmloses Süppchen vorgesetzt wurde. Vielleicht war es ja eine Bindenbrusse oder ein anderes Schreckensgericht der internationalen Tischgemeinschaft. Wer weiß, ob der Junge nicht tschechische »Blödklöße« fürchtete, vielleicht auch ein Club Sandwich, wie es in Polen zubereitet wird: »Drei-dreck-toast mit tomaten, gurken, salat, zwiblen«. Oder gar, noch ekliger, da fäkaler als dreierlei Dreck, »Spaghetti mit Kackfleischsauce«.

Nehmen wir uns den Widerspruchsgeist Kaspar zum Vorbild und sagen Nein zu kroatischen Kreationen wie »150g Weiße Frau, mit Gemuse garniert« (für King Kong?) und »150g Herrn Burgenmeisters Dukaten«. Und wenn wir schon in Paris zu einem Inder gehen müssen, verweigern wir uns »Gebratenen Tüten, die in den Gemüsen gefüllt sind«. Wenig ansprechend auch labbriges griechisches »Laschfilet«, missgebildete russische »Rinderleber mit Fettschwanz«, aber immer noch besser als »Rindenbraten mariniert« und »Rindenconsamé«. Nein, diese Suppe ess' ich nicht.

Apropos Rindenbraten. Bäume tragen bekanntlich die herrlichsten Früchte, aber die Bäume selbst verzehren wir nur ungern. Was einem Moskauer Fischlokal egal ist, daher bewirbt es »Regenbogenforelle, mit Erle«. Man liebt es dort eben försterlich, wie auf der Speisekarte auch die »Laubwaldüberraschung« beweist. Nicht nur schön holzig schätzt es der Russe, nein, er gibt es sich gern richtig hart – mit dem »Steak aus Marmorfleisch«. Danach hilft nur eine angemessen erdige Verdauungshilfe wie »Kaffee orientalischer Art auf Sand«.

Russen haben offenbar eine besondere Schwäche für schwer Verzehrbares, dafür steht das karge »Geräucherte Entegerippe in wunderbarer Verbindung mit Rucola, Cherry-Tomaten«. Freilich soll hier nicht der Eindruck entstehen, in Moskau herrschten nur die härtesten kulinarischen Sitten. Denn in der Stadt wird anderswo feinstgeistig gespeist, etwa köstliches »Stillleben aus Salaten«. Zu diesem künstlerisch hochwertigen Gericht passt bestens »Mosaik aus Meeresbodenbewohnern« und »gemalter Sterlett«, wobei sich die Frage nach der ausreichenden Sättigung stellt. Wer will, kann ordentlich Beilage futtern: »wirtschaftliche Kohlrouladen«. Gegen die kann man sagen, was man will, aber sie rechnen sich.

Essen ist im besten Fall eine besondere Form körperlicher Lust und Sinnlichkeit. Dazu braucht es gar keine Klassiker der erotischen Küche, auch wenn es da allerlei Nüsse, Stangen und Kolben gibt. Die Tschechen mühen sich besonders, uns zu bei Tische anzumachen, kredenzen anzügliche »Spalten aus dem Ofen« und »Amors Käsekugeln mit Garnitur«. Wenn wir Zweifel haben, um welche Kugeln es sich handeln könnte, lesen wir auf der Karte »gefühlte Eier« und sind uns nicht mehr sicher, ob es sich nicht um eine ganz andere Art von Lokal handelt. Also gehen wir zum Inder und bestellen »Heiße Lady, scharf«. Kostet auch nur 11,90, einen Betrag, für den es sonst nirgendwo heiße Lady gibt.

Die wichtigste Eigenschaft, über die Schlemmerer verfügen sollten, ist Neugierde. Denn wie sollen sie sonst erfahren, was sich hinter all den verlockenden Bezeichnungen verbirgt: Was meint denn der Tscheche mit »Schweinespatz« und »Schaumhunnenmischung« und »Tatarkunte«? Der Ungar mit »Reiche Ledenschnitte« und »Frische Grünen«. Was genau hat es mit slowenischen Spezialitäten wie »Huhnergrust« und »Belegtesehunel« auf sich?

Fragen über Fragen: Wie handfest ist »200 g Gefühlte mit Schinke«? Geht es auf die Rundungen, wenn wir »100 g Kugel« naschen? Wo leben oder wachsen Hubne und Homg, die als »Hubnenugette mit Homgsenf« dargereicht werden? Ganz zu schweigen vom »Unèínhai am Trockenen«, wobei das niemanden etwas angeht, schließlich steht dieses Gericht unter »Schöfkoch Geheimnis«. Also lassen wir dem Schöf und allen anderen Weißmützen ihr Geheimwissen, wir wollen gar nicht erfahren, was portugiesisches »Geschnetzeltes in roten schwalz« genau ist und was »Seebach gebachen im backhoffen«. Hauptsache, er oder es ist gut durchgebachen.

Geheimnisvoll sind auch ungarische »Kartoffelpuffer gefullte mit Geschnittenen«. Mit was werden sie gefullt und welche Geschnittene passt dazu? Kann man sie vielleicht mit vagen indischen »Dreieckige mit Gemuse« kombinieren? Und meint der Inder, er kommt damit durch, wenn er »Mild gewurzte, saftig gegritlte« auf die Karte schreibt?

Wenn in Sachen Speisen nicht mit offenen Karten gespielt wird, sollte der Kunde unbedingt mit Ablehnung reagieren. So etwa im russischen Restaurant »Gladiator«. Dort beginnt man mit schleierhaften Speisen wie »Firmensalate«, es folgt ein »Erstes Firmengericht«. Genauere Angaben sucht man vergebens, man ist schon für das »Firmenschaschlik« dankbar. Aber alles noch besser als das russische »Restaurant 01«. Auszüge aus dem Menü: »Erstmittel des Feuerlöschens«, »Kaputte Elektroleitung«, »Verbrennung des 3.Grades«, »Brandbeschädigtes Hähnchen« und »Falsche Meldung«. Speist hier die freiwillige Feuerwehr? Immerhin wird erklärt, welches Gericht sich hinter »Falsche Meldung« verbirgt und zwar exakt: »423 Gramm All mögliches auf der Pfanne«.

In Polen rätseln wir derweil über »Kesen korken«. Das klingt auf jeden Fall lustig, und da steht auch gleich die passende Anweisung in der Karte: »Lach auf franzözische art«. Ähnlich humorig versprechen die italienischen »Hausgenachte Eiertegwaren mit Lachsosse« zu sein und der wahrscheinlich hustenerzeugende dalmatische »Raucherlach auf Rucola«.

Genug gelacht und zurück nach Deutschland. Was kann man erwarten, wenn eine Pizzeria in Lünen Malaysia-Spezialitäten anbietet? Genauer gesagt: Italienische, malayische, chinesische, tamilische und sogar internationale Speisen. Zumindest sind die Komplettangebote verlockend: Für wenig Geld gibt es da »2 Nomarl Pizza order 2 nudel order 1 pizza + 1 Nudel + 1 Salatmister + 1FL Wein«. Zwar kennen wir den Salatmister nicht, aber die Mengen klingen vielversprechend: »2 Blech Pizza 1 Blech Nudel 1 Blech Salat«. Wer meint, bei Letzterem handelt es sich um ein Missverständnis, der wird nochmal explizit darauf hingewiesen: »Salat können Sie auch Bleche Bestellen«. Vielleicht sollte man dazu das »3 Person Brötchen-1« ordern. Egal, was man dann bekommt, immerhin »Beilagen können Sie bei jeder Bestellung erfragen«, das ist ja schon mal nett, auch wenn gilt: »Bei Lieferung nur Firmen 10 % lassen Sie Sich überraschen«.

Erfreulich ist auf jeden Fall, dass der Laden auch bald einen Partyservice anbietet. Dann gibt es in den eigenen vier Wänden »Steh Tisch, Eß Löffel, Messe, tellern, Kaffe taschen, unter tellern, 5 l Party Dose Bier«. Die Riesendose braucht man wirklich, vor allem um die abschließenden Botschaften auf der Speisekarte zu verstehen: »Tages Angebote von chen« und »Eim ist doch was Besonderes.« Wer oder was Eim? Das weiß nur der Salatmister.



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