.


Zur Druckversion

Was gehört zu einem gepflegten Fußballspiel? Tobias Kaufmann stellt rechtzeitig zur WM jeden Tag je ein wichtiges Element auf kolumnen.de vor: Elf Gebote für Fußballfans und solche, die es werden wollen.

04.06.06

Tobias Kaufmann

Die Elf Gebote
Gebot 6: Trainer

Wie wichtig ist der Trainer bei Erfolg und Misserfolg einer Fußballmannschaft? Allgemein gilt im Profibusiness – insbesondere in den Präsidentenlogen – die Faustregel: Trainer? Im Erfolgsfall ein kleiner Teil des großen Teams, nach Niederlagen ganz alleine schuld. Ein Ex-Trainer des 1. FC Köln, Friedhelm Funkel, musste vor Jahren sogar nach einem Sieg seinen Posten räumen. Die Fans mochten ihn nicht, und deshalb ignorierte der Verein Funkels ordentliche Bilanz frei nach Lessings Nathan der Weise: »Tut nichts zur Sache, der Jude (hier: Trainer) wird verbrannt.«

Andererseits wird im Falle des Erfolgs niemand so von den Fans angehimmelt wie der Trainer, dem pfiffige Journalisten gerne leicht spöttische Synonyme wie »Fußball-Lehrer« oder »Übungsleiter« anhängen. Christoph Daum etwa genießt Heldenstatus bei den Anhängern des 1. FC Köln (zu denen ich gehöre), seit er 1990 als Vizemeister entlassen wurde und als Phantom durch die Presse geistert, wann immer der Job beim FC vakant ist. Und er ist oft vakant.

Der Komiker Stefan Raab, glühender FC-Fan, hatte Daum vor der letzten Saison in seiner Sendung zu Gast. Bei der Frage nach Daums Zukunft kniete Raab plötzlich nieder und bettelte: »Kommen Sie nach Köln? Bitte, bitte. Wir brauchen Sie doch. Bitte, bitte.« Als ich das Leuchten in Daums Augen sah, habe ich kurz gehofft, er würde zustimmen. Dann hat er wohl über das Finanzielle nachgedacht und abgelehnt.

Diese Episode zeigt: Wie bei anderen Geboten des Spiels der Spiele bietet sich auch beim Trainer ein religiöser Vergleich an. Wundersam erfolgreichen Vertretern dieser Branche wird gern der Titel »Messias« verliehen. Das passt in jeder Hinsicht, denn wie alle bisherigen religiösen Erlöser haben sich auch die Messias-Trainer früher oder später als normale Menschen erwiesen.

Die Trainer, die ich in meiner eigenen Fußballerzeit bisher erlebt habe, waren allesamt ein paar Stufen unter der Messiasebene angesiedelt. Einige konnten einen Medizinball nicht von einer Luftpumpe unterscheiden. Andere neigten zu seltsamen taktischen Vorgaben, wie dem, die Gegenspieler in Richtung unseres Tores abzudrängen (!), weil statistisch gesehen die meisten Tore über außen fallen. Das ist so, als würde ich Ihnen raten, sich sofort vor die Straßenbahn zu werfen, damit Sie nicht eines Tages vom Auto überfahren werden. An andere Trainer denke ich auch nach Jahren noch mit einem Gefühl der Verbundenheit. Wenn ich an meinen ehemaligen Coach bei der SG Steinlah/Haverlah denke, dann fällt mir als erstes sein verschwitzter Bauch ein – Erinnerung an den Moment, als ich ein wichtiges Tor zum Aufstieg geschossen hatte, instinktiv zu unserem Trainer rannte und in seine Arme flog, dankbar für drei lehrreiche Jahre.

Es muss sehr schön sein, der Chef einer erfolgreichen Gemeinschaft von Fußballern zu sein. Der Chef einer erfolglosen Gemeinschaft von Fußballern ist dagegen ein sehr einsamer, ständig verzweifelter Mensch.

Glenn Hoddle, Ex-Trainer der englischen Nationalelf, der an die Wiedergeburt glaubt, wurde einmal von einem Reporter gefragt, welche Sünden aus vorherigen Leben wohl mit seinem Job gesühnt werden sollten. »Strafe? Trainer ist für Millionen Männer ein Traumjob«, hat Hoddle geantwortet. Natürlich hat er Recht. Vorausgesetzt, die Millionen sind Männer, die es noch schwerer haben. Schichtarbeiter in der Stahlbranche zum Beispiel. Trainer ist ein Traumberuf. Aber ehrlich gesagt ergreift man ihn am besten in der Freizeit bei einem guten Computerspiel. Entlassungen tun weniger weh, und wichtige Spiele kann man so lange neu laden, bis sie endlich gewonnen sind. Man muss nur rechtzeitig vorher abspeichern.

Was gehört zu einem gepflegten Fußballspiel? Tobias Kaufmann stellt rechtzeitig zur WM jeden Tag je ein wichtiges Element auf kolumnen.de vor: Elf Gebote für Fußballfans und solche, die es werden wollen:

Gebot 1: Rasen | Gebot 2: Trikots und Schuhe | Gebot 3: Aberglaube | Gebot 4: Der Ball | Gebot 5: Fans | Gebot 6: Trainer | Gebot 7: Teamgeist | Gebot 8: Tore | Gebot 9: Taktik | Gebot 10: Schiedsrichter



Wie finden Sie die Kolumne » Die Elf Gebote
Gebot 6: Trainer «?

Ihre Bewertung: wahnsinnig gut
sehr gut
gut
nicht gut




Dieses Feld bitte nicht ausfüllen:

Ihr Kommentar wird an Tobias Kaufmann und den Herausgeber von kolumnen.de geschickt. Nutzen Sie dies Formular nicht für vertrauliche Informationen an unsere Autoren. Mit Nutzung dieses Formulars stimmen Sie einer etwaigen Veröffentlichung Ihrer Zuschriften (auch auszugweise) auf kolumnen.de, in unserem Newsletter oder auf unserer Facebookseite zu.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Tobias Kaufmann.

Foto: Tobias Kaufmann

Tobias Kaufmann

1976, auf den Tag genau zwei Jahre bevor der 1.FC Köln durch ein 2:1 über die Düsseldorfer Fortuna Deutscher Pokalsieger wird, trennt sich Tobias in einem Leverkusener OP verfrüht vom [..]

Ausgewählte Kolumnen von Tobias Kaufmann

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Tobias Kaufmann