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Was gehört zu einem gepflegten Fußballspiel? Tobias Kaufmann stellt rechtzeitig zur WM jeden Tag je ein wichtiges Element auf kolumnen.de vor: Elf Gebote für Fußballfans und solche, die es werden wollen.

06.06.06

Tobias Kaufmann

Die Elf Gebote
Gebot 8: Tore

Lassen wir Abseits, Viererkette, ballorientierte Zonendeckung und all den Kladderadatsch mal für einen Augenblick außer Acht, dann reduziert sich Fußball auf eine Grundwahrheit: »Das Runde muss ins Eckige.« Das Runde ist der Ball, das Eckige das Tor. Damit sind wir mitten im Dilemma.

Der Begriff Tor hat im Fußball zwei Bedeutungen. Die ideelle Bedeutung steht für jene Spielsituation, die Fans entweder mit einem euphorischen »Tooooor!« oder einem knappen »Tor. Mist.« kommentieren. Von dieser Art kann ein Fußballspiel für viele gar nicht genug haben, Tore sollen fallen wie reife Früchte. Taktikästheten reicht allerdings ein einziges.
Von der anderen Sorte Tore, der realen, gibt es in jedem Spiel zwei, und fallen sollte möglichst keins.

Die Tore, die mich durch meine Kindheit begleitet haben, bestanden in der Regel aus Bäumen, Jackenhaufen oder Wäschestangen – beim Kick im Park spielt es keine Rolle, was man als Tor definiert. Hauptsache, man trifft es. Auf richtigen Fußballplätzen ist das etwas anderes. Dort muss ein Tor zwei Pfosten, eine Querlatte und eine bestimmte Breite und Höhe haben. Darüber hinaus gelten aus meiner Sicht auch ästhetische Gebote. Pfosten und Latte sollten rund sein, lieber weiß als Silber, und möglichst durch ein Gestänge dahinter ergänzt werden, das das Netz in einem schönen weiten Bogen hinter der Linie zur Erde führt. Das Netz muss weiß sein, mit wabenförmigen, sechseckigen Maschen. Nur in dieser Kombination rauscht der Ball richtig ins Netz, beult es mit einem weichen Zischlaut aus, kuschelt sich in die Maschen und tänzelt dann tief im Inneren des Tores auf den Rasen.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass es ein anderes Tor gewesen ist, über das im Buch Samuel zu lesen steht: »Da erhob sich der König und setzte sich ins Tor. Und man berichtete dem ganzen Kriegsvolk: Siehe, der König sitzt im Tor!« Bei der letzten EM in Portugal hätte sich nie ein König ins Tor gesetzt. Im Stadion der Radkappengesichter vom VfL Wolfsburg, die sich die Dinger aus Portugal zum Vorbild genommen haben, kann man bis heute sehen, warum: Der Raum hinter der Torlinie ist zu knapp bemessen, die Netze hängen zu dicht hinter den Pfosten wie eine Wand zu Boden – ein schwarzer Trauerflor mit viereckigen Maschen. Wenn hier der Ball einschlägt, tänzelt er nicht, sondern fällt wie tot herab. Von einer 31-Treffer-Saison in der C-Jugend abgesehen, war Tore schießen leider nie meine Spezialität. Vielleicht ist mir das Aussehen der Tore deshalb so wichtig. Immerhin: Trainerguru Otto Rehhagel (»König Otto«) sah es bei der EM genauso und hat sich damals im Fernsehen über die hässlichen Netze tüchtig in Rage geredet.

Ein besonderes Tor ist das goldene. So nennen Fußballer einen spielentscheidenden Treffer. Der englische Begriff »Golden Goal« steht für eine verschärfte Form, die bedeutet: Wer das nächste Tor schießt, hat gewonnen. Steht es nach 90 Minuten in Entscheidungsspielen unentschieden, gibt es eine Verlängerung von längstens zweimal fünfzehn Minuten. Erzielt ein Team in dieser Zeit ein Tor, ist das Spiel sofort siegreich beendet. Deutschland und Frankreich wurden dank dieser Regel Europameister. Inzwischen ist sie wieder abgeschafft, weil viele das infarktartige Spielende für die Verlierer unschön fanden.

Das älteste »Golden Goal« der Menschheitsgeschichte gibt es aber immer noch. Es steht in Jerusalem. Nach der Vision des Propheten Hesekiel wird der Messias die Heilige Stadt durch das Goldene Tor betreten. Wahrscheinlich, um das Unentschieden gegen den Messias möglichst lange zu halten, mauerten islamische Herrscher das Tor im 16. Jahrhundert einfach zu. Aber die Fußballgeschichte zeigt, dass solch ein Plan nicht ewig gut geht. Wie oft schon haben humorlose Italiener oder Deutsche sprichwörtlich Beton angerührt – irgendwann kam ein formidabler Kicker, der die Lücke fand, alle Viererketten sprengte und Freistoßmauern mit einem Geniestreich überwand. Das sollte auch in Jerusalem klappen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Aber bevor der Messias eintrifft, würde ich gerne noch ein paar schöne Tore sehen.

Was gehört zu einem gepflegten Fußballspiel? Tobias Kaufmann stellt rechtzeitig zur WM jeden Tag je ein wichtiges Element auf kolumnen.de vor: Elf Gebote für Fußballfans und solche, die es werden wollen:

Gebot 1: Rasen | Gebot 2: Trikots und Schuhe | Gebot 3: Aberglaube | Gebot 4: Der Ball | Gebot 5: Fans | Gebot 6: Trainer | Gebot 7: Teamgeist | Gebot 8: Tore | Gebot 9: Taktik | Gebot 10: Schiedsrichter



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