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06.01.10

Elke Schröder

Briefe vom kleinen Inder (2)

Lieber Vater,

einmal erklärtest du mir, man fände die Weisheit der Götter besonders bei den Alten und Gebrechlichen oder in niedrig hängenden Zitrusfrüchten. Ich lachte, woraufhin du mir Kokosnüsse auf die Knie schlugst und drei Tage kein Wort mehr mit mir wechseltest. Kurz darauf verschwand die kleine Bakula und wir verzweifelten, weil selbst Oma Indulalas sprechende Knochen stumm blieben. Doch dann entdeckte ich jene Spur aus Mandarinenschalen, der ich bis zur Bucht folgte, wo ich Bakula schlafend auf einem Felsen vorfand. Glücklich trug ich sie ins Dorf zurück. Die Mandarinenschalen verschwieg ich dir, weil ich mich meiner Dummheit schämte. Du hast Recht behalten. Und hier in der Fremde erfahre ich auch endlich, was es mit der Weisheit der Alten und Gebrechlichen auf sich hat.

Vor ein paar Tagen war ich mit Sahib Meyn und seinen Freunden bei einem kraftvollen Reinigungsritual. Viele Menschen kamen in einem Saal zusammen, um gemeinsam große Mengen zu essen. Sobald ihre Schüsseln leer waren, sprangen sie auf und rannten wie um ihr Leben zu einem Sammelpunkt, um an Nachschub zu gelangen. Sahib Meyn erklärte, es komme darauf an, das System zu schlagen. Er meinte natürlich das Verdauungssystem. Sahib Krafzik verschlang in einer Viertelstunde so viele Krebse wie unser Dorf in einem ganzen Monat. Niemand ging hinaus, um sich zu erleichtern. Gase, Gier und Grausamkeit lagen in der Luft und an mehreren Stellen im Saal brachen Kämpfe aus. Ich sah Männer, die Frauen traten und Frauen, die Kinder bissen und Kinder, die wie aufgeblasene Hunde auf dem Boden lagen und nach Luft rangen.

Im Saal wurde es voller und voller, aber keiner wollte ihn wieder verlassen. Wie an dem Tag, als uns beim Tauchen der große Hai überraschte und wir verzweifelt versuchten, alle in das einzige Kanu zu klettern. Armer Alok! Er war so schwer und zog das Boot herunter. Ich sehe noch vor mir, wie Oma Indulala bedauernd den Kopf schüttelte und ein Stück Neem-Rinde ausspuckte, bevor sie Alok mit dem Oberkörper voran ins Wasser zurückstieß. Wir hielten seine Beine fest und weinten. Der Hai nahm seine Arme und Alok sich vor, der dünnste Mann der Welt zu werden, sollte er den Angriff überleben. Heute kann er sich in einem Bambusrohr umziehen, aber was nützt ihm das ohne Arme?

Hier waren zwar keine Haie, dafür aber die gleiche Stimmung, die ihr Erscheinen auslöst, wenn man mit 26 Menschen, einer Oma und wenig Holz auf dem offenen Meer unterwegs ist. Ich versuchte, die Erinnerung an das Unglück zu verdrängen und konzentrierte mich auf meine Freunde. Sahib Meyns Gattin, die den Namen von Knochen trägt, bedachte mich mit einem feinen Lächeln, während sie den Krebsen auf ihrem Teller langsam die Beine herausdrehte. Fett spritzte über den Tisch, Blut troff von ihren Händen, jemand sang: «I ate it my way!« und Sahib Krafzik würgte mit stierem Blick etwas in ein Tuch. Es war einäugig und – wie mir die Konsistenz verriet – auf dem Weg nach unten offenbar mit mehreren Austern aneinander geraten. Mir wurde schwindelig. Da entsann ich mich deines Geschenks, das du mir vor der Abreise heimlich zugesteckt und geraten hast, es nur in Notfällen zu verwenden. Ich zog einen Kuhfladen hervor, zündete ihn an und schloss die Augen. Ach, Vater, dieser Duft – sofort fühlte ich mich wie daheim. In diesem Augenblick packte mich ein Hüne von etwa 3 Metern Höhe am Kragen und riss mich hoch. Auf seiner Brust prangte eine kahl rasierte Bauchtänzerin. In seinen Mundwinkeln hingen Reste von Krebsscheren.

»Was haben wir denn hier? Indische Räuchergarnelen? Da muss ich doch gleich mal abbeißen!« Der Kerl schickte sich an, seinen Kiefer in meinen Kopf zu graben. Ich zappelte und rief um Hilfe. Niemand nahm Notiz von mir. Nur Sahib Meyns Frau zwinkerte dem Riesen einmal kurz zu und strich lächelnd über ihre Handtasche.

»Du Rishi nichts tun!«, bot ich ihm meinen brennenden Kuhfladen an.

»Was soll ich mit dem Mist?«

»Ist von heiliger Kuh, Sahib. Reinigt Körper und Geist.«

Der Hüne lachte wahnhaft und schlug mir den Fladen aus der Hand. «Wer hat diese verdammte Priesterkrabbe auf die Speisekarte gesetzt?«

Ein altes Mütterchen im elektrischen Rollstuhl näherte sich.

»Lass' ihn in Frieden, Hans! Er ist eine Wurdemanns Putzergarnele. Schaut hübsch aus, schmeckt nach nichts und liegt im Magen wie eine Eisenbahnschwelle.«

»Ich bin aber so hungrig, Mutter!«

Hans strich sich über den Bauch. Dann spürte ich einen Eckzahn in meiner Kopfhaut. «Du Rishi Wurdeputz nichts tun!«, schrie ich auf.

»Wenn du ihn nicht runterlässt, wirst du tanzen!«, grollte das Mütterchen und zog einen elektrischen Schlagstock hervor.

»Diesmal nicht, Mutter!«

»Wie du meinst.« Sie zielte auf seinen Oberschenkel. Es zischte und etwas hinter mir machte «Klick«. Hans schrie und die Bauchtänzerin auf seiner Brust schien ein paar Mal die Hüften zu schwingen. Dann endlich fiel ich auf den Boden.

»Na bitte. Und jetzt ab nach Hause!«

»Verzeih' Mutter!«

»Na, da wärste uns ja bald abhanden gekommen«, sagte Sahib Meyn später im Auto und zwinkerte den anderen zu. Ich saß glücklich auf seinem Schoß.

»Ja, Rishi hat zweite große Prüfung bestanden.«

Alle lachten. Nur die Knochenfrau schwieg und strich grimmig über ihre Handtasche.

»Was hast du, Schnuckie?«

»Lass' mich in Ruhe!«

»Ist dir der Tag auf den Magen geschlagen?«

»Eher aufs Portemonnaie.«

»Wie jetzt? Erst einladen und dann jammern? Was ist das denn für eine Art? So geht man doch nicht mit Freunden um!«, rief Sahib Krafziks Frau beleidigt. Auf ihrer Augenbraue klebte ein Stück Sahnetorte.

»Das ist wirklich kein schöner Zug, Schnuckie. Gut, diese Melonenmampferei hätte sie sich natürlich sparen können und die Sahnetorte – ein Fauxpas! – aber ansonsten sind wir doch ganz gut dabei weggekommen, oder?«

»Wer hat denn die Melonen wieder wettgemacht bis zum Erbrechen, Schlaumeier?«, verteidigte Sahib Krafzik seine Frau.

»Hört schon auf zu streiten. Es ist doch alles ganz anders, als ihr denkt!«, beschwichtigte die Knochenfrau.

»Ach? Dann erklär doch mal!«

Mehr habe ich von dem Gespräch nicht mitbekommen, weil ich eingeschlafen bin. Später überreichte mir Sahib Krafzik eine Zeichnung von mir und Hans. Ich habe sie zu diesem Brief gelegt. Leider sieht man mich nur von hinten. Aber die Bauchtänzerin ist gut getroffen. Heute darf ich meinen Freunden beim Kartenspielen helfen. Große Sache, erklärten sie mir. Es gehe um die Getränke. Du siehst, es ist sehr aufregend hier, Vater. Eine Arbeit habe ich noch nicht gefunden, aber die Knochenfrau hat versprochen, mir dabei zu helfen. Seit dem Tag im Saal ist sie wie ausgewechselt. Alles wird gut.

Dein Sohn Rishi

Lesen Sie die gesamte Reihe »Besuch aus Germanyland / Briefe vom kleinen Inder« von Michael Meyn und Elke Schröder:

  1. Michael Meyn: Die Ankunft
  2. Michael Meyn: Die Luft ist raus
  3. Michael Meyn: Klasse Wetter
  4. Michael Meyn: Grand Canyon
  5. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (1)
  6. Michael Meyn: Friss oder stirb!
  7. Michael Meyn: Explosionsgefahr beim Doppelkopf
  8. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (2)
  9. Michael Meyn: In der Stille der Nacht
  10. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (3)
  11. Michael Meyn: Da waren's nur noch zwei
  12. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (4)

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Foto: Elke Schröder

Elke Schröder

Geboren 1967 in Köln. Nach langjähriger Gehirnwäsche auf einem erzbischöflichen Gymnasium für Mädchen folgte kein Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften, Linguistik oder Theologie [..]

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